18. August 2011

Blaue Stunden auf Sardinien (Mai/Juni 2011)

Reisebericht von Ingo Ehring (ingoehring at googlemail.com)
FROSCH Reiseziel Sportclub Le Quattro Lune, Sardinien


Die vier Monde

Im Hotel angekommen, gab es zunächst zwei wichtige Dinge zu erledigen: natürlich den Zimmerschlüssel in Empfang nehmen und, was eigentlich noch wichtiger war, das Ankreuzen der gewünschten Menüfolge für den Abend.

Ich hatte ein Einzelzimmer gebucht und bekam ein Doppelzimmer zugewiesen, welches sich als äußerst geräumig erwies. Ich war zufrieden. Dem nicht übermäßigen, aber vorhandenem Mückenaufkommen begegnete ich durch die Investition in eine kleine Verdampfungsanlage für die Steckdose, die mich fortan in einen blumigen Zitronenduft hüllte und Mücken erfolgreich fernhielt.

Eine Besonderheit stellte die Darreichungsform des Toilettenpapiers dar. Ein kleiner Spender bot die begehrte Zellulose blattweise an, was erst mal ja eine elegante Form des Geschäftsabschlusses darstellt. Eine gewisse Unsicherheit entstand jedoch durch die blickdichte Einhausung, die die Benutzung zu einer lustigen Form des russischen Roulettes werden ließ. Während meines Urlaubes kam es dann auch doch einmal vor, dass das letzte Blättchen gezogen war. Der Missstand dieses ansonsten recht smarten Systems wurde aber schon vor längerer Zeit von der Hotelleitung erkannt, und man hat ihm Rechnung getragen, indem man kurzerhand Bidets installierte. Bravo.

Ansonsten empfand ich die gesamte Hotelanlage als gepflegt und der Zimmerservice (bis auf den einen Patzer) makellos.

Nachdem ich den ersten Tag im Weiteren dazu nutzte, das Mittelmeer zu begrüßen, und ich mich anschließend im hoteleigenen Supermarkt bevorratete, rückte das Abendessen näher, und ich war gespannt, was sich hinter den angekreuzten Verheißungen verbarg.

Kulinarisches

Eines der Dinge, die ich bei Frosch richtig gut finde, sind die Reiseberichte. Zuweilen unterhaltsam, kann man sich vor Allem vorab verschiedene Bewertungen und Fakten zum Urlaubsziel erlesen. Ich konnte durch die Lektüre meine Erwartungshaltung, das Essen betreffend, grob kalibrieren, musste jedoch im Verlauf der 2 Wochen meine Bewertung nach unten hin korrigieren.

Ich beginne mit der oben erwähnten Liste. Man hat für Vorspeise, ersten und zweiten Gang die Wahl zwischen diversen Alternativen, das Dessert ist für alle gleich. Man dokumentiert seine Wahl durch Kreuze in entsprechenden Feldern und schreibt zusätzlich seinen Namen daneben. Häh? Wer glaubt, ein Kreuz würde die Planung für den Koch hinreichend präzise gestalten, muss bedenken, dass er selber definitiv vergessen haben wird, was er 24 Stunden zuvor gewählt hatte.

Bevor das Abendessen beginnen kann, muss ich mir also ins Gedächtnis rufen, was ich gestern glaubte, heute essen zu wollen, und worauf ich morgen wohl Appetit haben werde. Verwirrend!

Das nächste allabendlich wiederkehrende Ritual erinnert ein wenig an die Grundschulzeit. Die Teamer und die Bedienung platzieren sich gut sichtbar vor den Reihen der Hungrigen und intonieren ein lautstarkes „Guten Abend“. Die Antwort der Vielen muss natürlich „buona sera“ lauten und wird erst ab einer definierten Laustärke akzeptiert. Was hier der Begrüßung und – vermutlich – der Völkerverständigung dienen soll, wirkt auf mich eher wie ein Schüleraustausch der Mainzelmännchen.

Zum Essen selber bleibt wenig zu sagen. Es war uninspiriert und lieblos, was Geschmack und Erscheinungsbild betrifft. Wir hatten es wieder einmal mit dem Kantinenniveau zu tun, das ich bereits von Sizilien kannte. So verwundert es auch nicht, dass die Pfeffermühle (tatsächlich Singular) zum heiß begehrten Objekt wurde.

Ich denke, wenn man schon das Glück hat, in einer Welt des Überflusses zu leben, gibt es keinen vernünftigen Grund, schlecht zu speisen. An dieser Stelle würde ich Frosch empfehlen, deutlich nachzubessern, oder die Reise mit Übernachtung/Frühstück anzubieten.

(Anmerkung der Frosch Sportreisen Redaktion: Dieser Bericht bezieht sich auf die Gegebenheiten im Sommer 2011. Wir haben uns die Kritik am Essen sehr zu Herzen genommen und beständig gemeinsam mit dem Hotelier nach Lösungen und Verbesserungen gesucht – mit Erfolg: Durch das Abendessen in Buffetform, dem wöchentlichen Pizzatag und dem BBQ mit traditionellen, sardidischen Köstlichkeiten ist es uns gelungen, die Qualität des Essens kontinuierlich zu erhöhen und die Bewertungs-Noten auf eine sehr erfreuliche 1,87 (Schulnoten-Sytem) deutlich zu verbessern. Stand Sommer 2015).

Wer glaubt, die Entscheidung „trinke ich zum Essen Wein oder Bier“, sei  in Italien eindeutig mit „natürlich einen schönen vino rosso” zu beantworten, der sei vor dem hier servierten Tischwein gewarnt. Die einhellige Meinung der Weintrinker bei Tisch war, dass  es sich eindeutig um „abgemokkerte Lölle“ handele. Ich persönlich kannte diese Rebsorte bis dato nicht, war mir jedoch sicher, dass ich sie fortan meiden wollte und ich rate hier zum überraschend schmackhaften Birra Ichnusa.

Aus eben genannten Gründen war ich denn auch immer häufiger (letztlich ausschließlich) zu Gast bei „da Boe´s“. Ihr findet die Bar zwischen Hotel und Strand und könnt hier zu vernünftigen Preisen hervorragend speisen.

Das nötige Schuhwerk

Wer beabsichtigt, nach Sardinien zu reisen und sich die Frage nach dem richtigen Schuhwerk stellt, dem sei Folgendes gesagt: Wenn du wandern willst, besorge dir festes Schuhwerk, welches bis über die Knöchel geht und über ein anständiges Profil verfügt. Alles andere wäre eine grob fahrlässige Rüstung für die absolut lohnenswerten Wanderungen in den Gebirgen, wie zum Beispiel die Cala Luna Tour, Tiscali oder die Höhlenwanderung.

Die Cala Luna Tour führt an der Steilküste entlang durch schattenspendende Wacholderwälder, bietet immer wieder einen faszinierenden Blick auf das Mittelmeer und endet in einer reizvollen Bucht. Der Weg weist durchaus einige anspruchsvolle Stellen auf, die bei Nässe zur echten Herausforderung werden dürften. In der Bucht angekommen, kann man wählen, ob man durch äußere oder innere Anwendungen kalten Nasses regenerieren möchte (es besteht die Möglichkeit, Snacks und Kaltgetränke zu erwerben und natürlich zu baden), um anschließend mit dem Boot zum Ausgangspunkt zurückzukehren. Ich habe diese Tour gleich zweimal mitgemacht. Zum einen, weil sie mir wirklich gut gefiel, zum anderen, weil das Wanderangebot in der zweiten Woche leider das Gleiche war wie in der ersten.

Die Tiscali Tour wird von Keya angeboten und führt durch das Supramonte Gebirge zu den Ruinen eines 4000 Jahre alten Nuraghen-Dorfes. Eine wirklich tolle Wanderung, wobei mich das Dorf selber wenig begeisterte.

Absolut empfehlenswert ist auch die Höhlenwanderung mit Keya. Ich kannte bisher nur die üblichen Besuche von Tropfsteinhöhlen für Touristengruppen auf befestigten Wegen mit Handlauf.

Spätestens beim Erblicken des Höhlenzuganges war klar, das läuft hier anders: Helm mit Lampe aufgesetzt, Sicherungsseil eingeklinkt und dann ging es durch einen winzigen Felsschlund  über eine 15 cm breite Strickleiter 6 Meter in die Tiefe.  Uns wurde die Möglichkeit geboten, eine Tropfsteinhöhle hautnah mit allen Sinnen zu erfahren. Die Abwesenheit von Tageslicht und das Fehlen jeglicher Umgebungsgeräusche führten zu einem veränderten Zeitempfinden. Die allgegenwärtigen Tropfen ließen so manche Passage zur Rutschpartie werden und der Berg über einem löste eine latente Beklemmung aus. Es war eine bereichernde Erfahrung. Ich war aber auch ein wenig erleichtert, das Tageslicht wieder zu erblicken und Golum`s Welt zu verlassen.

Canyoning

Das dritte Angebot, welches ich von Keya in Anspruch nahm, war das Canyoning und es war für mich endlich mal wieder ein absoluter Superlativ.

Nachdem jeder von uns mit Helm und Canyoninggurt versehen war, begaben wir uns in die Fuili-Schlucht, um diese von oben nach unten zu begehen und so schließlich ans Meer zu gelangen.

Beim Anlegen des Gesäßgeschirrs kam in mir eine gewisse Skepsis auf, ob ich derart beengt den Tag verbringen wollte. Jedenfalls überprüfte ich gewissenhaft den korrekten Sitz dieser Gurthose, um im Ernstfall keine bösen Überraschungen zu erleben. Und damit meine ich nicht das Herausgleiten aus der selbigen.

Nach der Einweisung in den Umgang mit Seil und Abseilachter konnte es dann losgehen, und ich erfuhr auf einer ersten kleinen Eingewöhnungspassage das erhebende Gefühl, eine Wand hinunter zu laufen (auch wenn es auf dem Photo nicht so aussieht stand ich in der Waagerechten).

Der nächste Abgrund war dann auch direkt so 20 Meter tief und erforderte somit ein gewisses Mindestmaß an Urvertrauen.

Bei den noch folgenden Abseilungen wurde ich zunehmend sicherer und entwickelte den Ehrgeiz, den Aluminiumachter zum Glühen zu bringen. Es gelang mir jedoch nicht.

Die Abschnitte zwischen den Abseilstellen galt es natürlich auch zu überwinden, und dies gelang nur unter Zuhilfenahme sämtlicher Extremitäten. Es war ein herrlicher Tag, und ich kann diese Tour wirklich jedem empfehlen, der den Mumm hat, sein Leben an den seidenen Faden zu hängen.

Die Geburt der blauen Stunde

War das Canyoning das Highlight der zweiten Woche, so war das der ersten eindeutig das tägliche Ritual der blauen Stunde. Sie wurde geboren, als sich eine Busladung durstiger Menschen gegen einen unbeweglichen Teamer durchsetzte und lieber umgehend Bier trinken wollte, anstatt sich mit einem Gelato-Stopp aufzuhalten. Dies geschah nach der gemeinsamen Cala Luna Wanderung. Da das enge Regelkorsett kein Glas am Pool erlaubte, war die angrenzende Wiese ab nun Versammlungsort. In den folgenden Tagen trotzte die Veranstaltung Anfeindungen durch Powerpimper und Rasensprenger. Plaudereien bei kaltem Hopfenhaltigem in der lauen Abendsonne generierten diese Leichtigkeit des Seins, welche wir alle so schätzten.

Leute, es war schön mit euch, und ganz besonders liebe Grüße natürlich an die treuen Recken, die sich zu einem Revival bei uns in Bottrop einfanden. Danke für einen tollen Abend.

Bevor ich meinen kleinen Reisebericht beschließe, möchte ich euch noch die Hinterlandwanderung ans Herz legen. Hierbei handelt es sich um die Verköstigung in einem landestypischen agriturismo mit Familienanschluss. Um die Kochkünste der typisch italienischen Mamma und die hervorragenden vergorenen Erzeugnisse genießen zu dürfen, muss man den Preis einer vorangehenden Wanderung durch die pralle Sonne zahlen, zu der man vom Bus ausgesetzt wurde.  Das Hinterland hat zwar seine Reize, jedoch der Wanderung willen würde ich die Veranstaltung nicht wiederholen, sondern mich stattdessen gerne direkt vor der Tür von Geppetto (Name stimmt definitiv nicht) absetzen lassen, um dort ungehemmt zu schlemmen. Da sich der kleine Hof aber nur ca. 20 Minuten vom Hotel entfernt befindet, könnte man auch problemlos direkt hin und zurück laufen, und so die allgegenwärtige, lästige und nicht unerhebliche Transfergebühr sparen und sie sinnvoller in den Erwerb von Rotwein und Mirto investieren. Da diese Wanderung immer freitags angeboten wird, wäre mein Tipp ohnehin, sich anfangs der Woche dort einzudecken und die Leckereien die Woche über zu genießen.

Fazit

Dieses war meine vierte Reise mit Frosch. Während Korfu und Sizilien wohl eher nicht auf meiner Wiederholungsliste erscheinen werden, werde ich Sardinien, neben Gomera, ganz sicher für einen weiteren Besuch vormerken.

Das große Potenzial von Frosch ist sein Publikum, und solange dieses Frosch treu bleibt, werde auch ich die Chance nutzen, immer wieder nette Menschen an schönen Orten kennenzulernen.

Der Urlaub war toll, der nächste ist in Planung.

A presto e ciao, Ingo

3 Gedanken zu „Blaue Stunden auf Sardinien (Mai/Juni 2011)

  1. Jürgen

    Klingt super! Brauch man besonderes Training, um Canyoning zu machen? Ich wollte schon immer probieren, habe aber gar keine Erfahrung mit Klettern und so…

  2. Jürgen

    Klingt super! Brauch man besonderes Training, um Canyoning zu machen? Ich wollte schon immer probieren, habe aber gar keine Erfahrung mit Klettern und so, falls es eine Voraussetzung ist.

  3. Susanne

    Das Essen und der Zustand des Hotels sind jetzt wesentlich besser im Vergleich zur obigen Beschreibung. Man muss nicht mehr 24 Stunden vorher auswählen, sondern es beginnt mit einem leckeren Salat- und Vorspeisen-Büffet in Selbstbedienung, eine halbe Stunde später gibt’s drei Sorten Spaghetti (man kann von allen bekommen), wieder eine halbe Stunde später drei Hauptgerichte (ebenfalls darf man von allen was haben) und noch eine halbe Stunde später Dessert oder Melone. Das Essen war lecker. Die zwei Sachen, die mich daran gestört haben, war dass die Pasta nur minimalst mit Sosse umhüllt war und sich das ganze Essen über geschlagene 2 Stunden hinzog, von 19:30 bis 21:30.

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