5. November 2008

Nimm das beste Schiff, das Du kriegen kannst, bemanne es mit zwanzig Gefährten und mache Dich auf die Reise (Homer, Odyssee)

Reisebericht von Peter Zangl
FROSCH Reiseziel Boot & Bike Ionische Inseln – Korfu

Auf diesem einfachen Konzept beruhen die Boot & Bike Touren, die von den Frosch Sportreisen an verschiedenen Stellen des Mittelmeers angeboten werden. Dieser Bericht beschreibt die Erfahrungen einer Reise durch die ionischen Inseln von Korfu über Paxos, Lefkada, Kefalonia, Ithaka (der legendären Heimat des legendären Odysseus) und mit einem Abstecher übers griechische Festland wieder zurück nach Korfu wie sie im Oktober 2008 gemacht wurden.

Mit welchem Schiff bist Du gekommen und warum steuerte es Ithaka an? Woher behaupten die Seeleute zu sein. Denn eines ist sicher, zu Fuß bist Du nicht hergekommen. (Homer, Odyssee)

Unser Schiff hieß MS Andreas, kam aus Karistos in Euböa und wurde für die Boot & Bike – Reise mitsamt Kapitän Jannis, Steuermann Paraskevas und den Matrosen Vangeli und Mitso gechartert. Mit an Bord auch der Reiseleiter, der wie das Schiff auf den Namen Andreas hörte sowie vier weibliche und fünf männliche Gäste aus allen Ecken Deutschlands bzw. der Schweiz.

Eine Queen Mary war die Andreas nicht. Dafür war sie mit ihren dreißig Metern Länge und ihren sechs Metern Breite etwas zu klein, hatte aber die ideale Größe, um auch in kleinen Häfen wie Gaios, Lefkada, Nidri, Fiscardo, Vathi, Frikes, Parga oder Sivota vor Anker zu gehen oder auf freier Strecke zum Baden anzuhalten.

Damit niemand zu Fuß gehen musste, hatte das Schiff genügend Mountainbikes mit 27-Gang Rapid-Fire-Schaltung und verriegelbarer Federgabel an Bord, mit der sich jeder Winkel der angesteuerten Inseln erreichen ließ. Ein Vorteil, der die erstaunten Blicke der Einheimischen sowie der überwiegend britischen (Do you really intend to go up the hill with this bike?) Touristen bei weiten überwog.

Viele Details des Bordlebens wurden von der Technik des Schiffes vorgegeben: Morgens wurde man von den Maschinengeräuschen geweckt, wenn der Kapitän den Dieselmotor startete, um Strom zum Kaffee kochen zu haben. Zehn Minuten später kam dann Matrose Vangeli mit einem großen Schraubenschlüssel in die Kabinen und verschloss die Bullaugen.

Warmes Wasser zum Duschen gab es nur für eine halbe Stunde am Tag, wenn der Kompressor lief, das 220V Bordnetz, nur wenn der Dieselmotor den Generator antrieb. Wer eine Einzelkabine gebucht hatte, um vor schnarchenden Mitbewohnern in Sicherheit zu sein, musste bald feststellen, dass, wenn einer schnarcht das ganze Schiff mithören kann.

Das hört sich jetzt recht spartanisch an, aber man gewöhnt sich dran. Theoretisch hätte die MS Andreas statt zu dieseln auch segeln können, was wir aber nicht gemacht haben. Auch das Beiboot wurde nicht dazu verwendet, Mensch und Rad außerhalb der Häfen abzusetzen oder aufzunehmen.

Obwohl das Schiff nicht wirklich geräumig war, fand sich immer eine Ecke, um sich ein wenig Ruhe zu gönnen. Natürlich war auch für Luxus gesorgt: Eine Bank, Liegestühle und Liegematten auf dem Sonnendeck sowie eine Kühltruhe mit Wasser, Softgetränken und griechischem Mytos Bier im Speisesaal. Dort gab es auch an sieben Tagen das Frühstück und an fünf Tagen ein Abendessen. Kapitän Jannis und Matrose Vangeli zauberten hier ganz leckere griechische Spezialitäten. Es war kein großes Büffet mit siebenundzwanzig Gängen, aber es schmeckte lecker und alle wurden satt. Einmal wurde sogar auf der Hafenmole gegrillt. Am ersten Abend in Korfu, als die späten Flieger noch nicht eingetroffen waren, durften wir auswärts Essen gehen. Ebenso unter der Woche im besten Restaurant von Vathi auf Ithaka, womit Homers zweite Frage beantwortet wäre.

Ich Unglücklicher! Ach noch viele schreckliche Trübsal stand mir bevor, vom Zorne des Erderschüttrers Poseidon! Plötzlich hemmt‘ er die Fahrt mit reißenden Stürmen, und hochauf schwoll das unendliche Meer. (Homer, Odyssee)

Nachdem noch am Samstag schwere Gewitter über dem Ionischen Meer getobt hatten, war gleich die erste Überfahrt am Sonntag nach Paxos ein Test unserer Seetüchtigkeit. Bei fünf Meter hohen Wellen mit Schaumkronen und Windstärke 5½ stellten sich alle Symptome der Seekrankheit ein, was bei den Teilnehmern große Zweifel am Erholungswert der Reise weckte.

Froh wieder festen Boden unter den Füßen zu haben, nahmen wir im Hafen von Gaios unsere Räder in Empfang und erkundeten die kleine aber hügelige Insel Paxos mit einer Rundtour nach Lakka und Loggos. Dort war es windig und kalt, an Baden war nicht zu denken, so dass wir uns mit der Fahrdynamik unserer Mountainbikes beschäftigen konnten, während Andreas mit gekonntem Mountainbikerblick unsere Leistungsfähigkeit taxierte und im Geiste unsere Performace bei den Touren für die nächsten Tage einschätzte. In Loggos lagen einige Boote ‚for rent‘ vor Anker. Nach unseren Erfahrungen mit Poseidon bevorzugten wir jedoch alle die Gegenanstiege auf dem Landweg mit dem Fahrrad zurück nach Gaios.

Die Touren für die nächsten Tage gingen nach weiteren, jetzt viel ruhigeren Seereisen am Montag von Lefkada-Stadt nach Nidri auf der Insel Lefkada, am Dienstag von Fiscardo nach Agia Efimia auf der Insel Kefalonia, am Mittwoch von Vathi nach Frikes auf der Insel Itahka sowie am Freitag ins Hinterland von Sivota auf dem griechischen Festland. Am Donnerstag war Ruhetag, den die meistern bei einer langen Schifffahrt verbrachten, um sich für die letzte Tour zu regenerieren. Nur Andreas und zwei Freiwillige ließen sich vom Kapitän in Parga absetzen und erkundeten den Landweg nach Sivota.

Die Touren führten meist über Teerstrassen, gelegentlich auch über Schotterwege und waren mit den zur Verfügung stehenden Mountainbikes ganz gut zu schaffen. Die Strassen sind oft eng aber meist wenig befahren und an engen Stellen hupen die Autos, damit man entsprechen behutsam fahren kann. Langsam erinnert man sich an seine Mathestunden und kann mit der Zeit auch die kleineren Ortsschilder in griechischen Buchstaben entziffern. In den größeren Orten ist sowieso alles mit Transkription in lateinischen Buchstaben oder mit englischen Untertiteln. Viele Leute sprechen ganz passabel Englisch und zum Teil auch ganz gut Deutsch.

Die Gesamtlänge der Touren betrug knapp 200 km und was jetzt dem Donauradwegfahrer als Tagesetappe erscheinen mag, hatte inclusive der Gegenanstiege fast 3500 Höhenmeter mit steilen schweißtreibenden Rampen in sich. Gottseidank hatte unsere Gruppe genügend Kondition mitgebracht, denn die Highlights der jeweiligen Tour wollten erarbeitet sein.

Obwohl das Protokoll stets Abkürzungen oder die Möglichkeit auf dem Boot zu bleiben offen ließ, verfügte Andreas über genug Charisma, uns die Anstiege schönzureden und tatsächlich konnte er alle motivieren, mit ihm in die Höhen der Inseln zu radeln, wo es dann meist ohne nennenswerte Gegenanstiege geradeaus oder mit Speed bergab ging.

Die Touren sind abweichend von der ursprünglichen Planung im Katalog so gelegt, dass man nicht nur die rechts und links des Weges liegenden Olivenhaine und Bergbauerndörfer sondern alle Sehenswürdigkeiten, die auf dem Weg liegen, aus den verschiedensten Blickwinkeln sieht. Dabei haben mir die Küstenstrasse bei Assos, der Blick bei der Auffahrt zum Kathara Kloster auf die Bucht von Vathi oder die Abfahrt über Feldwege von Perdika zum Strand von Karavostasi am besten gefallen.

In Stavros auf Ithaka konnte man sich bei entsprechendem Interesse auch eine Tonscherbe des Odysseus ansehen. Es hätte auch noch ein paar kleinere archäologische Sehenswürdigkeiten auf dem Weg gegeben, die aber nicht so bedeutend gewesen wären, so dass wir sie getrost links liegen lassen konnten.

Und nachdem sie gebadet und sich mit Öle gesalbet, setzten sie sich zum Mahl am grünen Gestade des Stromes, harrend, bis ihre Gewand‘ am Strahle der Sonne getrocknet. (Homer, Odyssee)

Zwischen den Schifffahrten und dem Radfahren stellte das Baden einen weiteren Programmpunkt der Reise dar. Das Wasser auf den Ionischen Inseln ist abgesehen vom den größeren Hafenbecken klar und sauber. Die schönsten Strände lasen sich nur mit etwas Aufwand erreichen, aber dafür sind wir perfekt ausgerüstet. So führt uns die Radtour in Kefalonia zum legendären Strand von Myrtos, der auf keinem Griechenlandkalender fehlt. Von Sivota aus sind die Strände von Mega Ammos und Karavostasi mit dem Rad zu erreichen. Verdienen muss man sich die Abstecher auf die Meereshöhe dann wieder mit einer Bergfahrt zurück zum Boot.

Und wenn man schon ein Boot dabei hat, dann kann man auch einfach irgendwo in einer Bucht vor Anker gehen. Wann immer auf unseren Seereisen Zeit dazu war, haben wir das, nachdem das Meer sich wieder beruhigt hatte, auch getan. Auch ganz nett war ein Wasserfall bei Nidri, wo man nach so viel Meer endlich wieder im Süßwasser baden durfte.

Jetzo erreichten wir den trefflichen Hafen, den ringsum himmelanstrebende Felsen von beiden Seiten umschließen. (Homer, Odyssee)

Die Nächte verbringen wir stets in einem Hafen. Der Start- und Zielhafen von Korfu ist davon der hässlichste und eigentlich nur wegen der Nähe zum Flughafen gewählt worden. Schon bei der Ankunft ist man genervt von den langen Wartezeiten aufs Gepäck und der Baustelle neben dem Liegeplatz der MS Andreas im funktionell-morbiden Neuen Hafen, so dass man froh ist, Korfu und seine Souvenirshops verlassen zu dürfen.

Alle anderen Häfen, die wir währen der Reise erreichen, haben nämlich absolute Kalenderbildatmosphäre und da schon Nachsaison ist, ist abgesehen von ein paar hängen gebliebenen Engländerinnen von Massentourismus nix mehr zu spüren, so dass uns die noch geöffneten Kaffeehäuser ganz alleine gehören. Den Versuch in Nidri um die Häuser zu ziehen, geben wir nach der zweiten Kneipe auf und improvisieren mit Andreas‘ Ghettoblaster und den Ouzoreserven des Kapitäns eine Party im Speisesaal der MS Andreas.

Nachdem das Meer sich wieder beruhigt hatte und man etwas Gefühl für die Räder hatte, stellten sich erste Glücksgefühle ein. Von Erholung wage ich nicht zu sprechen, da die Reise weit von einem Wellness-Urlaub entfernt ist und man sich jeden Panoramaausblick und jede Abfahrt mit langen steilen Aufstiegen erst im Schweiße seines Angesichts verdienen musste.

Unsere Frauen schafften es irgendwie, sich mit Hilfe der Kette oder der Kettenblätter phantasievolle Wadltatoos beizubringen, die dann des Abends erst mit Lob überschüttet und dann mit viel Sonnencreme wieder abgeschminkt wurden.

Alle waren glücklich über das Oktoberwetter mit Sonnenschein und Temperaturen um die 25°C bei denen man zwar noch Baden konnte aber beim Radfahren nicht verbrannt wurde.

Was die Reise wirklich zu einem Erlebnis gemacht hat, waren die Details mit denen Andreas‘ Reiseleitung uns durch die Woche brachte. Perfekt vermittelte er dem Kapitän unsere Wünsche. So gab es zum Beispiel zusätzlich zum griechischem Standardfrühstück immer Obst und Nutella, um uns mit Mineralstoffen für die anstrengenden Touren zu versorgen.

Zum Abendessen gab es jeweils anhand der Landkarte einen kurzen Ausblick auf die Tour des nächsten Tages. Verfahren hat sich niemand und Andreas kannte alle Schlaglöcher und Metallroste, die uns auf den Touren hätten gefährlich werden können. Wer selbst schon einmal auf eigene Regie mit dem Rad in unbekannten Gelände unterwegs war, wusste bald zu schätzen, was uns an Karten- und Orientierungspausen erspart geblieben ist. Daneben gab es ein wenig Coaching zu Fahrstil und Fahrtechnik an den schwierigeren Stellen der Touren.

Da es Oktober war, wurde es in der Nacht schon ein wenig frisch, so dass am dritten Tag zusätzlich zu den Bettlaken Wolldecken ausgegeben wurden, die uns wieder ohne zu frieren schlafen ließen. Einer aus der Gruppe wurde sogar mit einem Funktionshirt versorgt, da er sich in seinen Baumwoll T-Shirts beinahe tot geschwitzt hätte.

Auch die Fahrräder waren perfekt gewartet. Wenn einmal ein Reifen platt war, wurde er sofort gewechselt und auch klappernde Pedale – ein Konstruktionsfehler der Räder, der sich so alle siebzig bis achtzig Kilometer einstellte – wurde von Andreas umgehend repariert.

Die Supermärkte, Tavernen und Bäckereien, die am Weg lagen, waren ihm hinsichtlich Sortiment und Preisen bestens bekannt. Klingt jetzt trivial, aber so dicht gedrängt das Programm war, erwies sich dieses Wissen als extrem nützlich. Wir waren ja ständig unterwegs und außer Nidri und Korfu erreichten wir keinen Ort zweimal so dass man sich keine Stammkneipe und keinen Stammbäcker zulegen konnte. In einer Bäckerei in Perdika gabs zum Saisonende sogar eine Runde Gratis-Eis für die ganze Truppe. Absoluter Geheimtipp war die Bäckerei mit den Schokotörtchen in Fiscardo.

Auch wenn sich die Reise ein wenig auf den Spuren des Odysseus bewegte, war es keine Irrfahrt und trotz aller Schinderei ein richtig schöner Urlaub!

2 Gedanken zu „Nimm das beste Schiff, das Du kriegen kannst, bemanne es mit zwanzig Gefährten und mache Dich auf die Reise (Homer, Odyssee)

  1. Andreas

    Yassou Peter,
    wunderschöner Text und so herrlich auf den Punkt gebracht… hätte Lust, gleich wieder durchzustarten.
    Danke und bis bald mal wieder, an irgendeinem Berg, egal ob mit oder ohne Schnee!
    Andreas

  2. Holger Brinkschröder

    Tach auch!
    Knalle mal eben, mit über einem Jahr Abstand, noch einen Kommentar dazu.
    Meine Frau und ich waren im Juli ´08 auf der Tour und waren total begeistert! Gut, dass wir dabei waren, ist doch dieses Angebot scheinbar nur in diesem Jahr im Programm gewesen (mich würde mal interessieren warum?!).
    Ich würde die Tour jederzeit noch einmal machen. Lob und Dank nochmals an die beiden Guides Andreas und Gert!
    Gruß
    Holger

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