19. September 2014

Aufräumen bitte… Schätzelein oder 20 Landratten vom Winde verweht – Boot&Bike Dänische Südsee August 2014

Reisebericht von Melanie (jack.melanie at web.de)
FROSCH Reiseziel: Die dänische Südsee

15.August 2014

Es ist Freitag Abend gegen 18h, als ich von einer 6-stündigen Anreise hundskaputt am Tiessenkai in Kiel-Holtenau eintreffe. Eine mitreisende Fröschin habe ich bereits im Zug von Hamburg kennengelernt und so pilgern wir beide am Kai entlang, um unser Schiff, die „Catherina“ schon einmal in Augenschein zu nehmen. Es herrscht noch geschäftiges Treiben an Bord, Check-In ist erst ab 20h. Was macht also der geneigte Ruhrpottler? Er setzt sich in die benachbarte Außengastronomie und trinkt erst einmal ein Bier. Ich schwanke zwischen Neugierde und Sorge, dies ist nicht meine erste Gruppenreise, aber trotzdem ist es immer wieder spannend, wer und was einen erwartet. Segeln war ich auch noch nie. Ich halte mich zwar für generell seetauglich, aber ich habe mir sagen lassen, dass die Ostsee selbst für erfahrene Segler die eine oder andere magentechnische Überraschung bereithält. Schwanken werde ich in dieser Woche übrigens noch öfter, aber dazu später…

Nach und nach trudeln immer mehr berucksackte Gesichter ein und bald haben wir das erste Gruppen-Sit In eröffnet und man beschnuppert sich. Als unsere Teamerin Heike endlich das Schiff zum entern freigibt, haben sich bereits die ersten Kabinengenossen definiert und es geht ans häusliche einrichten. Beim Anblick der 4-Bett-Kabine und der bereits darin verstauten Gepäckstücke wird mir etwas schummerig. Wie in aller Welt sollen 4 Weibsbilder hier eine Woche lang hausen, ohne sich (vielleicht sogar unfreiwillig) die Köpfe einzuschlagen?????? Gut, wird schon….oder mit Sabines Worten: Klärt sich !

So geht der 1. Abend dahin, wir kleben uns Namensschildchen ans Revers und setzen die gesellige Unterhaltung fort. Zwischendurch stellt sich kurz die Crew vor: Heike, die Teamerin, Mick der niederländische Kapitän, Bootsmann Daniel aus Ungarn und nicht zuletzt der wichtigste Mann an Bord, Koch Lothar. Er wird unser persönlicher Held während dieser Reise, da er in seiner 2,5 qm Kombüse wahre Wunder vollbracht hat, um uns kulinarisch zu verwöhnen. Wenn ich bedenke, dass meine Küche auch ohne Seegang nach jeder Mahlzeit in Schutt und Asche liegt…

Catherina

16.August 2014

Nach einer erstaunlich erholsamen Nacht unter Deck(natürlich mit Ohropax, man hat ja vorgesorgt) und einigen logistischen Herausforderungen in der Nasszelle geht es nach einem fürstlichen Frühstück ans Eingemachte…..Morgengymnastik, Fahrradverladung und Kennenlernrunde. Letzteres hätte man sich getrost schenken können, da wir uns mittlerweile sowieso schon alle ausgiebig ausgetauscht hatten, aber man will ja kein Spielverderber sein. Und dann wird es ernst, WIR LEGEN AB! Daniel gibt uns eine kurze Sicherheitsanweisung in einem illustren Mix aus Deutsch, Englisch und Niederländisch, die man ungefähr so zusammenfassen kann: hörst du einen Alarm, schwing deinen Hintern an Deck! Siehst du jemanden unplanmäßig das Schiff während der Fahrt verlassen, schrei „Mann über Bord“ und wirf einen Rettungsring nach ihm/ihr, möglichst ohne ihn oder sie damit zu erschlagen! Mehr muss man auch nicht wissen, ist ja Urlaub.

Dann heißt es zum ersten Mal: Segel setzen! Daniel gibt uns Anweisung, wer wann wo an welchem Seil zu ziehen hat und tatsächlich schaffen wir es, nach anfänglicher Konfusion sämtliches Tuch in geforderte Position zu befördern. Im Anschluss lernen wir etwas, dass eigentlich jeder Deutsche mit der Muttermilch aufsaugt: Ordnung muss sein! Nach jedem Manöver muss das Deck von herumliegenden Seilen befreit werden, damit keiner die Reisekrankenversicherung in Anspruch nehmen muss. Also heißt des Bootsmanns Kommando: Aufräumen bitte!

Manoever

Die erste Überraschung folgt auf dem Fuße: Schräglage der übelsten Sorte! Leichte Panik kommt auf, aber Captain Mick scheint zufrieden, also muss das wohl so. Mehr oder weniger entspannt versucht man sich auf einem der Sitzplätze draußen niederzulassen und die Sonne zu genießen. Diese wird übrigens auf der Reise die unzuverlässigste Teilnehmerin der Gruppe, macht nur zu oft Platz für graue Wolken und Regen, aber das wird der Gesamtstimmung keinerlei Abbruch tun. Wir segeln übrigens heute nach AEro, Insel am südlichen Eingang des Kleinen Belts und laut einschlägigen Reiseführern die „Perle der Dänischen Südsee“. Wann wir dort eintreffen, weiß man nicht. Mick hat uns schon morgens deutlich klar gemacht, dass man Fragen nach Ankunftszeit und manchmal auch Ankunftsort besser unterlassen sollte. Man ist nun einmal abhängig von Wind und Wetter, da kann sich der Plan im Laufe des Tages schonmal ändern, wie wir am eigenen Leib noch feststellen werden. Als wir am Abend in Marstal, einem Hafen im Osten der Insel eintreffen, haben auch die zeitweise ergrünten Gesichter wieder eine gesunde Farbe angenommen. Nur der drohende Beckenschiefstand aufgrund dauerhafter Schräglage macht mir Sorgen. Geht das jetzt so weiter? Wir sind dann doch froh, wieder Land unter den Füßen zu haben und brechen zu einem kleinen Spaziergang auf. Die typischen bunten Strandhäuschen scheinen wie direkt der Postkarte entsprungen, und im Gegensatz zu den Wohnhäusern sind sie nicht windschief. Scheinen beim Bau hier wohl alle Schräglage gehabt zu haben. Ich kann´s nachvollziehen. Alles in allem aber sehr schnuckelig hier bzw. hyggelig(gemütlich) wie der Däne zu sagen pflegt, und Dänen lügen nicht!

Relaxen

Gut gelaunt nimmt man eine heiße Dusche und stärkt sich mit Lothars famosen 3-Gang-Dinner, um anschließend den hiesigen Pup unsicher zu machen. Mit unserer „kleinen“ Reisegruppe ist die Lokalität auch schon fast zum Bersten voll, gemeinsam mit ein paar Einheimischen lauschen wir den irischen Klängen von Tom Brakel, einige von uns sind derartig hingerissen, dass sie spontan die CD des Künstlers käuflich erwerben. Alles in allem ein stimmiger Abend, man fällt totmüde ins Bett, nachdem man sich mehr oder weniger erfolgreich im Chaos der 4-Bett-Kabine seine 7 Sachen für die Nacht zusammengesucht hat.

Haeuser

17.August 2014

Gooooood Morning Marstal!!

Die erste Fahrradtour steht an. Wir radeln nach AEroskobing, etwas mehr als 12km von Marstal entfernt. Dem Wetter hat allerdings niemand Bescheid gesagt, bereits nach 15 Minuten Fahrt fängt es an zu regnen. Ach was sag ich, es schüttet wie aus Kübeln. Der Wind bläst mit aller Härte und überhaupt ist Dänemark gar nicht so flach, wie man meinen möchte. Was mache ich hier? Wäre ich zuhause, würde ich bei solchen Bedingungen nie eine Fahrradtour machen, im Leben nicht! Aber die Gruppendynamik hat den Schweinehund kurzerhand k.o. geschlagen und so radeln wir wacker bis ins hyggelige Örtchen. Dort angekommen, nehmen wir erst einmal eine kaloriengeladene Stärkung im Cafe ein, während die Klamotten in allen Ecken verteilt vor sich hin trocknen dürfen. Heike stimmt eine kurze wer-ist-wer-Runde an. Kennst du schon alle Namen?? Klar, meine wind-und regengebeutelten Leidensgenossen kenn ich mittlerweile. Wer mir morgens in mein verquollenes ungeschminktes Gesicht lächelt, ist mein Freund. Hatte ich erwähnt, dass jegliche Eitelkeiten im Laufe des Törns auf der Strecke bleiben?

Gestärkt und halbwegs trocken geht es nach kurzem Rundgang und Stopp in der Touristeninformation bzw. im hiesigen Netto auf den Heimweg. Dieser ist ohne Regen bei weitem angenehmer als der Hinweg, und so trudeln wir am Nachmittag wieder am Schiff ein.

Radtour

Mick überlässt es uns, ob wir weitersegeln. Es wird ordentlich windig werden. Und nass! Kein Problem, das kennen wir ja schon. Also nehmen wir wieder die persönliche Schräglage ein und machen uns auf den Weg nach Svendborg auf Fünen.

Der Himmel gibt wieder alles (schonmal waagerechten Regen gesehen ???), aber mittlerweile empfindet man den wilden Wechsel als recht angenehm. Jede Welle, die es über die Reling schafft und uns teilweise oder komplett trifft, wird mit Applaus oder Johlen dokumentiert. Wen kratzt das schon, wir sind Segler!

In Svendborg angekommen, ist unser Liegeplatz leider schon von der „Helsingborg“ belegt und so müssen wir parallel an ihr anlegen. Man stellt sich kurz den Nachbarn vor, schließlich werden wir morgen ständig über ihr Deck latschen müssen, um an Land zu kommen. Aber sie mögen uns anscheinend, man schenkt uns die Reste einer riesigen Tortenplatte von einer Feier zur goldenen Hochzeit. Sehr nett die Dänen!

Wir verzichten an diesem Abend auf einen ausgiebigen Landgang, denn laut Mick sagt die Wetterkarte für den nächsten Tag Windstärke 8 voraus, was ein Segeln zu gefährlich macht. Also bleiben wir den ganzen nächsten Tag hier, da ist dann noch genug Zeit, die Stadt und das Umland zu erkunden. Stattdessen läuten wir eine Spielerunde ein. Nach 3 Bier wird sogar die Tabu-Kinderedition mit 20 Leuten zur besten Abendunterhaltung. Der „böse Fisch“ (Piranha) begleitet uns von nun an als Running Gag für den Rest der Woche.

Nach einem langen und lustigen Abend bette ich mich zur Ruhe und bin erstaunt, wie schnell man sich mittlerweile im persönlichen Kojenchaos zu Recht findet. Auch wenn mal etwas kurzfristig verschwindet, taucht es früher oder später an anderer Stelle wieder auf. Zuhause würde ich wahnsinnig werden, hier kratzt es mich nicht die Bohne. Klärt sich…

18.August 2014

Auf in die große Stadt!

Gut gestärkt mit Lothars Schlemmerfrühstück machen wir uns mit ein paar Mann und Frau auf nach Downtown. Nach Marstal wirkt Svendborg fast wie eine Großstadt, es gibt einige Klamottenläden, Cafes und sogar ein Kino. Ich habe mittlerweile eingesehen, dass ich meinen Rucksack doch etwas zu optimistisch gepackt habe (der Begriff Südsee hat mich wohl fehlgeleitet)und so kaufe ich mir hier gleich mal einen dicken Pullover bei einem namhaften schwedischen Textilunternehmen. Er wird mir für den Rest der Reise abends gute Dienste leisten. Prompt werden wir auch wieder vom dänischen Wetterwechsel überrascht, aber die Regenjacke gehört mittlerweile eh zur gängigen Reisegarderobe. Mittags kurze Lagebesprechung, der Großteil der Gruppe möchte zu einer längeren Fahrradtour aufbrechen. Ich und einige andere beschließen, heute mal einen faulen Tag zu machen. Die Aussicht, wieder auf dem Rad klatschnass zu werden, finde ich heute nicht so sonderlich verlockend. Wetterfee Mick hat auch nichts Gutes bis zum Nachmittag vorhergesagt, da kann man auch mal die Beine hochlegen.

Aber mit Vorhersagen ist das ja immer so eine Sache. Es wird plötzlich traumschön, die Sonne gibt Gas. Nach einem kurzen Sonnenbad an Deck wird uns auch schon wieder langweilig, und so machen wir uns nochmal auf in die Stadt. Cindy lässt sich den gequälten Seglerrücken im hiesigen Massagesalon entknoten, anschließend genießen wir noch ein Käffchen und philosophieren über den Sinn des Lebens.

Zurück an Bord der Schock! Ein Mitglied der Radlergruppe hatte einen Unfall. Yvonne sitzt mit blutigem Knie und sichtlich verstört in der Essecke. Während voller Fahrt war ihre Pedale plötzlich abgefallen und sie ist böse gestürzt. Zum Glück im Unglück kam ein deutsches Ehepaar mit dem Auto um die Ecke und konnte sie mit zum Hafen nehmen. Es hätte viel Schlimmeres passieren können, aber der Gedanke wird ganz schnell verworfen, und jeder kramt in der Reiseapotheke, um Yvonne so gut wie möglich zu versorgen. Zwischendurch wird sie von jedem ausgiebig geknuddelt, und bald ist die Stimmung wieder gewohnt gut. Nach einiger Zeit trudeln auch die übrigen Radler ein, allesamt ziemlich erschöpft. Mag daran liegen, dass man einfach mal konsequent entgegen den Anweisungen des Navis gefahren ist. Aber man muss ja auch mal anti sein, ist ja schließlich Urlaub.

Wir lassen den Abend mit einer Runde Activity ausklingen, jeder der uns dabei zusieht, würde uns vermutlich sofort allesamt einweisen. An dieser Stelle sollte ich mich im Namen aller vielleicht einmal bei unseren Nachbarn auf der „Helsingborg“ entschuldigen, die wir mit Sicherheit um ihre wohlverdiente Nachtruhe gebracht haben.

Hafen

19.August 2014

Ich bin normalerweise offiziell ein Morgenmuffel, vor dem 2. Kaffee tut man besser daran, mich nicht anzusprechen. Hier ist alles anders. Ich kann es morgens kaum erwarten, mich in die vertraute Runde zu setzen. Bereits beim Frühstück fliegen die ersten sinnbefreiten Sprüche quer über den Tisch, gern abgerundet mit einem herzlichen „Schätzelein“.

Danach bläst Mick zum Aufbruch. Wir sind mittlerweile schon recht routiniert, die Fender werden beim Ablegen eingeholt, auf Daniels Signal hin finden sich schnell alle ein, um die Segel zu setzen. Und so schaukeln wir gut gelaunt Richtung Westen. Ich muss zu meiner Schande gestehen, dass ich gar nicht mehr weiß, wo wir eigentlich hin wollten, spielt aber auch keine Rolle, denn der Wind macht uns eh einen Strich durch die Rechnung.

Nach einiger Zeit allerdings verlieren wir zunehmend an Fahrt, bis wir irgendwann fast völlig zum Stillstand kommen. Micks Ansage lässt nicht lange auf sich warten. Der Wind hat praktisch gedreht, wir werden unser Ziel nicht erreichen ohne ständig kreuzen zu müssen. Kreuzen bedeutet übersetzt, im Zickzack gegen den Wind zu fahren. Kann auf Dauer anstrengend werden und kostet Zeit, im Ernstfall müssten wir auch noch mit Motor fahren. Alle sind sich schnell einig, dafür sind wir nicht hier. Kurzerhand drehen auch wir und nehmen stattdessen Kurs auf Soby im Norden AEros. Auf der Insel waren wir zwar schon, aber auch das gehört zum Segeln dazu, es läuft nicht immer alles nach Plan, so wie im wahren Leben, äh ja ich schweife ab…

Wenig später legen wir an und es dürstet uns nach Bewegung. Also machen wir einen kleinen Spaziergang durch die Felder zum Strand inklusive Fotoshooting auf einem Heuballen. Was tut man nicht alles für eine gute Aufnahme? Wir genießen den Sonnenuntergang am Strand und finden sogar noch eine Geocache. Die Begeisterung wird noch getoppt, als wir einen Kinderspielplatz entdecken. Es ist manchmal erstaunlich mit wie wenig man nach einigen Tagen ohne gewohntes Entertainment erwachsene Menschen zur Eskalation bringen kann. Da werden Schaukeln und Wippen geentert und auch das hilflose Schaukelpferd bleibt nicht verschont. Die Hemmschwelle bei solchen Aktionen sinkt glaube ich proportional zur Reisedauer, und es braucht noch nicht mal Alkohol.

Der wird an diesem Abend allerdings auch noch konsumiert, denn es gelingt uns, in der Einöde Sobys den einzigen Pub auszumachen. Der schließt zwar angeblich um 21.30, das hindert uns aber nicht daran kurz vorher einzufallen und der Wirtin den Umsatz ihres Lebens zu bescheren. Die digitale Jukebox hat seit ihrer Aufstellung vermutlich noch nie so viel zu tun bekommen, das Video zu unserer Interpretation des ABBA-Krachers „Chiquitita“ habe ich bis heute nicht gesehen, vielleicht auch besser so. Schönen Gruß an dieser Stelle an Gunnar, der Begriff fremdschämen, hat seit diesem Abend ein Gesicht! Gegen 12 müssen wir die Runde auflösen, bevor die Wirtin noch wegen Überschreitens der Sperrstunde eine Strafe zahlen muss.

Sonnenuntergang

20.August 2014

Trotz des feuchtfröhlichen Abends sind am nächsten Morgen alle relativ fit. Allerdings frage ich mich, ob ich tatsächlich unter Filmriss leide und mir gestern eine Kneipenschlägerei geliefert habe. Mein Kiefer schmerzt ganz furchtbar, sollte ich wirklich Muskelkater vom Lachen haben??

Nach dem Frühstück brechen wir zu einer kleinen Fahrradtour auf. Wir besichtigen den Leuchtturm Skjoldnaes Fyr mit der vermutlich engsten Tür Skandinaviens, Drängler haben hier keine Chance. Aber so erklimmt man wenigstens gesittet im Gänsemarsch den Turm, um von oben den grandiosen 360 Grad Ausblick über AEro zu genießen. Auf dem Rückweg wird noch schnell der einzige Souveniershop geplündert und ein paar Leckereien im Supermarkt erstanden. Das ist auch die letzte Chance die verbleibenden Kronen loszuwerden, denn unser nächstes Ziel liegt schon wieder in Deutschland, Maasholm, eine Gemeinde an der Schleimündung.

Hier treffen wir am späten Nachmittag ein und legen im beschaulichen Yachthafen an. Beim kurzen Landgang macht sich bei den ersten eine Sekundärerscheinung des dauerhaften Aufenthalts auf dem Wasser bemerkbar: Landkrankheit! Das Geradeauslaufen fällt zunehmend schwer und man fühlt sich gelinde gesagt unwohl ohne die gewohnte Schaukelei. „ Ich hab Schwank“, mit diesen Worten geht es schnell wieder aufs Schiff. Aber nicht ohne den schrägsten Vorgarten der nördlichen Hemisphäre entdeckt zu haben. Hier stehen Schneewittchen und die 6 ZWERGE UND DIE ENTE! Ob die Besitzer des Gartens nun einfach bessere Quellen hatten als die Gebrüder Grimm, oder ihnen einfach die Zwerge ausgegangen sind, sei dahingestellt. Aber wer auf der „Tüünlüüd“ wohnt, darf auch schonmal aus der Reihe tanzen!

Schneewittchen

Abends veranstaltet unser dynamisches Duo Mick und Dan ein BBQ auf dem Landungssteg, mit dem wir ganz Maasholm hätten ernähren können, anschließend wird unter Deck die Wellnessarea eröffnet. Heike und Yvonne spendieren allen eine wohltuende Massage, ja Urlaub kann schon manchmal schlauchen.

Irgendwann in meinem Bett stelle ich fest, dass ich seit 2 Nächten ohne Ohropax schlafe, die sind irgendwo verschütt gegangen. Aber ich habe es gar nicht bemerkt, die Geräusche des Wassers, das gegen die Schiffswand schlägt in Kombination mit allen anderen mehr oder weniger intensiven akustischen Begleiterscheinungen des menschlichen Schlafs beruhigen mich mittlerweile sogar und ich fühle mich zuhause.

21. August 2014

„Moin Schätzelein, du musst den Kräuterquark essen!“ Wie werde ich das daheim vermissen.

Nach dem Frühstück, steht unsere letzte Radtour an. Wir teilen die Gruppe auf, einige wollen die große Runde nach Kappeln fahren und starten schon um 10, die anderen mich eingeschlossen beschränken sich auf eine kürzere Tour unter Heikes Führung von geplanten 1 ½ Stunden und brechen ein Stündchen später auf. Um Punkt 13h will Mick ablegen.

Auf der Fahrt Richtung Gelting kann ich zur Abwechslung mal die umgekehrte Zwiebel praktizieren. Nach und nach fällt eine Klamottenschicht nach der anderen, und am Strand angekommen, stehe ich zum ersten Mal in dieser Woche in einem annähernd sommerlichen Outfit da. Geht doch! Heike ist sogar so todesmutig sich ins Wasser zu stürzen. Gut, soweit will ich dann doch nicht gehen, aber bis zu den Knien traue ich mich auch rein. Nur die Quallen, denen man ständig ausweichen muss, trüben ein wenig den erfrischenden Kneippgang. Nachdem wir alle unser Eis verputzt haben, ruft Heike Punkt 12 zum Aufbruch.

„Ist ja jetzt nicht mehr weit, nur noch der kleine Schlenker, halbe Stunde sind wir da“. Ich war zwar noch nie gut darin, Entfernungen zu schätzen, aber das erscheint mir dann doch recht optimistisch. Tatsächlich wird aus dem kleinen Schlenker ein recht großer, nach einigen Fotostopps auf dem Deich verrät der Blick auf die Uhr, das wird eng. Aus der gemütlichen Fahrt wird jetzt doch noch ein Tour-de-France-verdächtiger Sprint, das Peloton erreicht das Ziel um kurz nach eins. „Wolltet ihr nicht nur eine kleine Runde machen?“ Die andere Truppe ist schon seit geraumer Zeit wieder da, sichtlich amüsiert über unsere gesunde Gesichtsfarbe. Ja und, wir haben uns halt ein gaaaanz klein wenig verschätzt, kann ja mal vorkommen.

Kurze Zeit später sind auch die Nachzügler an Bord und es kann weiter gehen. Dies wird unser letzter Törn in kompletter Runde, denn aufgrund einer kurzfristigen Änderung des Froschprogramms werden einige schon morgen früh von Bord gehen. Ein wenig Wehmut schwingt schon mit, aber das Wetter beschert uns eine ruhige Fahrt, und ein paar unserer Herren versuchen sich mehr oder weniger erfolgreich als Steuermann. Am frühen Abend treffen wir in Kiel ein. Leider ist es mit der Idylle hier vorbei. Die Kulisse des Stadthafens ist nicht sonderlich einladend und direkt neben uns rollt die Fähre herein.

Da Lothar heute seinen freien Abend hat, fällt das gewohnte Kulinarium aus. Stattdessen speisen wir heute im hiesigen Brauhaus, das gottlob so kurzfristig noch Platz für unsere gesamte Truppe hat. Es wird ein standesgemäßer letzter Abend, der natürlich an Bord erst spät(oder früh) ausklingt. Aber gut, irgendwer muss das Fass ja leer machen.

Gruppe

Eine letzte Nacht noch in unserem kuscheligen 4-er Domizil, morgen ist alles vorbei. Hach, nicht drüber nachdenken….

22.August 2014

Ist ein bisschen zu hell heut morgen für meinen Geschmack. Der letzte Abend ist nicht ganz spurlos an mir vorbei gegangen. Auch einige andere wirken etwas angeschlagen. Das Frühstück verläuft ungewohnt wortkarg. Vielleicht ist es aber auch einfach der drohende Abschied, der auf die Stimmung drückt. Die ersten Teilnehmer müssen uns nun verlassen, es wird geknuddelt und auch das eine oder andere Tränchen verdrückt.

Der Rest macht sich auf zu einem letzten kleinen Törn Richtung Laboe. Noch ein letztes Mal heißt es gemeinsam Segel setzen, „und hep“ und „aufräumen bitte“. Zwischendurch geht’s auch noch ans Tasche packen. Das mittlerweile liebgewonnene Chaos wird entzerrt, und tatsächlich schaffe ich es, alle meine textilen Besitztümer wieder zu finden und zu verstauen. Ich kann mich übrigens zum ersten Mal in einem Urlaub rühmen, wirklich ALLES einmal getragen zu haben, und sei es auch nur deshalb, weil ich aufgrund der bescheidenen Temperaturen vor allem abends alles übereinander ziehen musste. Aber wir wollen ja hier zum Schluss nicht noch miesepetrig werden.

Laboe ist so, wie man sich ein typisches Ostseebad vorstellt. Ein langer weißer Sandstrand mit der dazugehörigen Promenade, wo man in vielen Läden hübsche und weniger hübsche Souvenirs und anderen Kram erstehen kann. Das Marine-Ehrenmal ist schon von weitem gut zu erkennen, wer noch ambitioniert genug ist, kann die 341 Treppenstufen zur Aussichtsplattform erklimmen. Ich hingegen bin schon froh, wenn ich einen Fuß geradeaus vor den anderen gesetzt bekomme. Die Landkrankheit schlägt mit voller Härte zu, daher gebe ich auf der „Sonnenseite der Kieler Förde“ nur ein kurzes Gastspiel und schwanke wieder zurück zur „Catherina“.

Wir brechen zur wirklich allerletzten Etappe nach Holtenau auf, je näher wir dem Tiessenkai kommen, desto dicker wird der Kloß im Hals. Ist die Woche wirklich schon rum? Das ging doch alles viel zu schnell. Ich hoffe schon beinah, dass noch etwas Unvorhergesehenes passiert und wir doch noch unplanmäßig länger an Bord bleiben müssen. Aber alles läuft glatt und eh man sich versieht, laden wir auch schon die Räder ab.

Wir schenken unserer Crew zum Abschied unser letztes Gruppenfoto und noch ein Bild der „Catherina“, dass Daniela am Ankunftstag genau hier geschossen hat, im Hintergrund ein riesiger Regenbogen. Passend dazu singt sie uns „Somewhere over the rainbow“ und nicht nur ich muss mittlerweile schwer schlucken.

Als Lothar mich zum Abschied in den Arm nimmt, brechen bei mir endgültig alle Dämme. Mit kleinen verheulten Äuglein sagen wir noch Mick und Daniel goodbye und gehen schließlich schweren Herzens von Bord. Und nu? „ Also ich hätt ja noch was Zeit“, „Ich auch“, „ja ich eigentlich auch“, wir können uns nicht trennen. So beschließen wir, diese tolle Woche da ausklingen zu lassen, wo sie begann. Am Kai bei einem Getränk. Wir lassen alles noch einmal Revue passieren und schmieden die ersten Revival-Pläne. Wer kommt nächstes Jahr wieder mit segeln? Lass uns doch in Hamburg zum Hafengeburtstag treffen.

Dann folgen die letzten Abschiede, die Runde dünnt sich nach und nach aus, bis Cindy und ich uns als letztes am Kieler Hauptbahnhof schweren Herzens voneinander trennen.

Während meiner langen Heimfahrt vermisse ich die anderen bereits schmerzlich, wenigstens schwankt der Zug, wirkt so meiner Landkrankheit entgegen und gibt mir noch ein wenig das heimelige Gefühl von Seegang.

Als ich nachts die Tür zuhause aufschließe, werde ich von der schier unendlichen Weite meiner 60qm Wohnung förmlich erschlagen. Wer in aller Welt braucht denn so viel Platz???

Fazit: Wer sportliche Höchstleistungen sucht oder atemberaubende Landschaftsaufnahmen ist hier fehl am Platz. Man kann über die Dänischen Inseln getrost sagen, kennt man eine, kennt man alle, und das ist bei Weitem nicht negativ gemeint. Die ruhige und relativ unspektakuläre Kulisse gepaart mit der entspannten Fortbewegung auf See gibt dem entertainmentverwöhnten und reizüberfluteten Individuum genau das, was es braucht: Entschleunigung! Man besinnt sich auf das wesentliche, sich selbst und die Menschen um einen herum. Der begrenzte Raum an Bord sorgt in kürzester Zeit dafür, dass ein Haufen Fremder zu einer kleinen Familie wird, und das erstaunlicherweise ohne die Gefahr eines Lagerkollers. Man möchte meinen, dass man sich während der Segeltörns, auf denen abgesehen von dem einen oder anderen Manöver relativ wenig zu tun ist, langweilen könnte. Aber mitnichten! Ich hatte vorsichtshalber 2 Bücher eingepackt, für den Fall, dass es hart auf hart kommt. Vom ersten habe ich sage und schreibe 10 Seiten gelesen…..im Zug.

Noch nie habe ich so lange von einer Reise gezehrt und vor allem meine Begleiter im Nachhinein so sehr vermisst.

Das war mit Sicherheit nicht meine letzte Reise mit Frosch und vor allem nicht mein letzter Segeltörn! In diesem Sinne Ahoi und bis bald! Aufräumen bitte……!

Regenbogen

Ein Gedanke zu „Aufräumen bitte… Schätzelein oder 20 Landratten vom Winde verweht – Boot&Bike Dänische Südsee August 2014

  1. Ulrike

    Hallo Melanie,
    dein Bericht spricht mir sowas von aus dem Herzen, dass ich nicht umhin komme, auch einen Kommentar abzugeben.
    Ich war vom 29.08. bis 05.09. mit der Catherina und 19 „fremden“ Menschen unterwegs. Und ja, nach zwei Tagen waren wir uns nicht mehr fremd und am Ende der Reise wie eine große Familie. Der Abschied fiel allen schwer – von Mick, Daniel, Lothar und seinen genialen Kochkünsten, Helena der Teamerin und nicht zuletzt dem Chaos in den Kajüten der guten alten Catherina. Ich kann diese Reise nur jedem empfehlen, der sich mal wieder erden möchte. Sie lehrt uns, mit wie wenig Luxus und Ansprüchen man doch auskommen kann und dass es gut funktioniert, auf engstem Raum mit Anderen auszukommen, wenn man sich mit Respekt und Achtsamkeit begegnet. Ich werde jedenfalls auch noch lange an diese schönen Reise und die netten Mitreisenden zurückdenken. Wir haben uns zumindest vorgenommen in Kontakt zu bleiben. Das war bestimmt nicht meine letzte Segelreise…

    In diesem Sinne „Schiff ahoi“ und noch weitere schöne Frosch-Reisen.

    Viele Grüße
    Ulrike

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