4. Mai 2010

Chile – spektakulär

Reisebericht von Heiko Egenolf (heiko.egenolf at web.de)
FROSCH Reiseziel Chile – aktiv

„Chile aktiv“ – so heißt die Reise, die ich Ende 2009 absolviert habe. Als „Neufrosch“ nur mit diffusen Vorahnungen, was mich dabei erwartet. „Chile – spektakulär“ – so lautet mein Fazit – so viele fantastische Eindrücke, imposante Natur und interessante Begegnungen… aber der Reihe nach:

14.11.2009 – Ankunft in Santiago de Chile
Wenn man es nach gut 13 Stunden Flug schafft, sich aus dem Flugzeugsitz zu entfalten, ist man aus dem mitteleuropäischen Schmuddelherbst mitten im Frühsommer gelandet. 25 °C und blauer Himmel lassen die Strapazen des langen Fluges schnell vergessen. Von den acht Teilnehmern der Gruppe finden sich am Flughafen allerdings nur sieben ein. Nr. 8 hat offensichtlich Probleme mit dem innereuropäischen Zubringerflug nach Madrid gehabt und muss nun einen Tag später anreisen. Also brechen wir zu siebt auf und fahren ins Hotel Espana. 4 Sterne … in Chile bekommt man offensichtlich einen pro Zimmerwand – jedenfalls ist das Hotel eher ältlich und trist. Naja, zum schlafen wird’s reichen. Die Stadtrundfahrt beginnt mit einem Pflichtpunkt: die Auffahrt auf den Cerro San Cristobal, einen der Hausberge von Santiago, der eine fantastische Aussicht auf die Stadt und die dahinter aufragenden Andengipfel bietet.
Danach geht’s zum Mittagessen. Margareta, unsere Reiseleiterin, legt uns die Königskrabbe ans Herz, die hier „noch besser schmeckt als in Punta Arenas“, wo sie aus dem Meer geholt wird. Wirklich ein imposantes Tier, das da vor unseren Augen mundgerecht zerlegt wird. Aber viel Verpackung bietet manchmal nur wenig Inhalt – Ivo und ich sind um eine Erfahrung reicher, aber um jeweils 40 Euro ärmer. Das Preis-Leistungs-Verhältnis führt uns zu dem Schluss, es nicht auf den Vergleich mit Punta Arenas ankommen zu lassen.
Nach dem Essen laufen wir über die Plaza de Armas und sehen Kathedrale und Markthalle von innen, den Regierungssitz La Moneda dagegen nur von außen. Einen Cortado später haben wir die Sehenswürdigkeiten der Innenstadt durch und fragen Margarete, was man nun noch unbedingt von Santiago sehen muss, wenn man nur diesen einen Tag hat. Daraufhin nimmt sie uns per Metro mit – ins Business-Viertel! Die moderne Ästhetik der Glastürme kann voll zur Geltung kommen, denn es ist Samstag, keiner arbeitet und daher haben wir die Straßen für uns. Zwei Pisco Sour in einem Café helfen bei der Entwicklung der nötigen Gelassenheit…
Wir beschließen den Tag im Hotel mit ein paar Flaschen Rotwein der Marke „Casillero del Diablo“ – quasi als Vorbereitung für den nächsten Tag…

15.11.2009 – Ausflug ins Maipo-Tal
Sonne und strahlend blauer Himmel begrüßen uns. Wir können das Wetter ausgiebig genießen bei unserem Frühstück, das wir im Freien auf der Plaza de Armas einnehmen… müssen, denn die Dame, die in unserem Hotel (zur Erinnerung: 4 Sterne!) für Frühstück sorgen sollte, ist einfach nicht gekommen… Katrin bot zwar an, selbst Hand anzulegen und zumindest Kaffee zu kochen, aber der junge Mann an der Rezeption hat keinen Schlüssel für den Speiseraum.
Heute begleitet uns Jimena in das Tal des Maipo-Flusses, wo wir eine Wanderung zur Cascada de las Animas unternehmen. Da der Wasserfall auf Privatland liegt, dürfen wir nicht alleine los, sondern müssen, wie alle anderen auch, bis 12 Uhr auf unsere Guides warten. Und dann geht es wie im Almauftrieb herdenmäßig bergan – bei mittlerweile 30 °C recht schweißtreibend. Doch auf dem Rückweg bietet sich die Gelegenheit zu einem erfrischenden Bad unter einem Wasserfall.
Anschließend fahren wir zum Mittagessen ins Restaurant „La vaquita echá“. Dort machen wir Bekanntschaft nicht nur mit Marc, unserem bisher noch fehlenden Mitreisenden, sondern auch mit den Steaks „a lo pobre“ – mit gebratenen Zwiebeln, Spiegelei und Pommes frites. Klingt komisch, schmeckt aber gut – und ist deutlich reichhaltiger (und preiswerter) als die Königskrabbe.
Zum Digestif fahren wir ins Weingut Concha y Toro. Bei einer kleinen Tour sehen wir dann auch den „Casillero del Diablo“, den Teufelskeller. Ein paar der hier lagernden guten Tropfen dürfen wir anschließend auch probieren.
Wir lassen den Tag in einer Kneipe im Künstlerviertel Bellavista ausklingen, mit herrlichem Blick auf das abendliche „Andenglühen“. Zu diesem Zeitpunkt ahnt wohl niemand, dass dies der einzige Tag des Urlaubs mit „kurze-Hose-Wetter“ gewesen sein wird…

16.11.2009 – Flug nach Punta Arenas
Aus dem Flugzeug heraus gibt es leider nicht viel zu sehen. Wo gestern noch blauer Himmel war, ist heute alles voller Wolken – über der kompletten südlichen Hälfte des Landes.
Auf halber Strecke machen wir eine Zwischenlandung in Puerto Montt. Die hier zusteigenden Passagiere haben alle dicke Wintermäntel an und sind damit passend gekleidet zur Ansage des Kapitäns vor der Landung in Punta Arenas. Wir vergewissern uns gegenseitig, und jeder hat „fünf Grad““ verstanden… Im Flughafen erwartet uns als neuer Reiseleiter Sebastian – und außerhalb der „patagonische Frühsommer“: grauer Himmel, besagte 5 °C und eine sehr frische „Brise“. Wir lernen schnell, dass die Windstärken-Skala an diesem Ende der Welt ein wenig anders eingeteilt ist als in Mitteleuropa.
Als wir die Kolonie Magellan-Pinguine am Seno Otway besuchen, fängt es auch noch an zu regnen. Wir fahren weiter durch die endlose patagonische Steppe in Richtung Puerto Natales, und diese Straße will offenbar genauso wenig enden wie der Regen, der mittlerweile aus tiefhängenden dunklen Wolken fällt. Nach einer gewissen Zeit sieht man die Tristesse nicht mehr, da die Scheiben unseres Busses anlaufen. Gegen 21 Uhr sind wir in Puerto Natales. Nach einem Kaffee zum Aufwärmen geht es weiter zu unserem Zeltcamp… ähem, wer will eigentlich bei diesem Wetter zelten? Es liegen noch ca. 80 km Schotterpiste vor uns. Irgendwann wird es dunkel. Kurz vor dem Ziel dann auch noch eine Reifenpanne am Gepäckanhänger. Unser Fahrer José ist nicht zu beneiden, in der Dunkelheit und bei Regen den Reifen wechseln zu müssen. Kommen wir noch irgendwann an? … ja, endlich, um 23:30 Uhr. Der Dauerregen hat die Einfahrt zu unserem Zeltplatz derart aufgeweicht, dass wir mit unserem Gepäck zu Fuß ein Stück durch die matschige Wiese dürfen. Naja, erstmal zu den Zelten – dort stehen sie… aber keine großen Gemeinschaftszelte, sondern schicke kleine „Dackelgaragen“ … nochmal naja, gönnen wir uns nun in unserem „Speiseraum“ die in Aussicht gestellte warme Suppe. Die Suppe ist auch warm – aber leider der Speiseraum nicht! Der ist auf Außentemperatur, und so sitzen wir mit Jacke, Mütze und kondensierendem Atem vor unserem Teller. Man kann schlingen, wie man will, aber die Suppe erreicht schneller Raumtemperatur als wir den Boden des Tellers… Die Aussicht, nun vier Tage bei konstant ca. 5 °C verbringen zu dürfen, beflügelt mich nicht wirklich, da ich eine Erkältung ausbrüte, die ich mir wohl auf dem Langstreckenflug eingefangen habe. Ich ahne aber, warum Frosch diese Reise in Kooperation mit Aventoura unternimmt – das hier entwickelt sich wirklich zum Abenteuer! Kurz vor 1 Uhr nachts kriechen wir endlich in unsere Schlafsäcke….

17.11.2009 – Torres del Paine Nationalpark, Tag 1
Irgendwann in der Nacht hat der Regen aufgehört. Als wir um halb acht aus dem Zelt kriechen, sehen wir zwei Dinge, die uns in der Dunkelheit der Nacht entgangen sind: zu einen ist die Wiese voller Tretminen. Ein kleines Kalb, das wohl auch zu den Verursachern gehört, glotzt uns neugierig an.
Zum anderen aber ist es die spektakuläre Naturkulisse unseres Campingplatzes: die Wolken geben langsam den Blick frei auf das Paine-Massiv, das in ca. 30 km Entfernung mehr als 2000 m aus der Ebene aufragt. Nachdem die ersten Fotos geschossen sind, genießen wir das Frühstück, das unser Koch Luis für uns zaubert. Angesichts der „improvisierten“ Küche kann man seine Künste gar nicht hoch genug bewerten, denn es gibt eine wirklich reichhaltige Auswahl mit frischem Obst, Rührei, Cornflakes, etc. Besser als in so manchem 4-Sterne-Hotel… aber diese Hütte in Santiago hat wohl schon jeder vergessen.
So gestärkt machen wir uns auf in den Nationalpark. Eine erste kurze Wanderung einen Hügel hinauf, und wir stehen am Mirador Condor. Der Ausblick ist gigantisch: die Cuernos del Paine und der Paine Grande liegen direkt vor uns, nun wolkenfrei, und zu Füßen dieser bizarr geformten Berge der Lago Pehoe – in einem Türkisblau, gegen das jede Karibiklagune alt aussieht. Einen Vorteil hätte eine solche Lagune allerdings: das Wetter. Auf dem Hügel bläst ein Wind, der durchaus Flugversuche mit halb geöffneten Jacken zulässt (für patagonische Verhältnisse also ein leichtes Säuseln …). Gar nicht so leicht, sich für ein Foto in Position zu stellen ohne umzufallen.
Wir setzen mit dem Boot über den Lago Pehoe über, um dort eine weitere Wanderung zu unternehmen. Die Sonne ist schon wieder weg, und der Windchill kommt richtig zur Geltung. Solange man aber in Bewegung bleibt, geht es. Wir umrunden das Massiv des Paine Grande. Die Gipfel sind derart zerklüftet und in dünne Wolken eingehüllt, das man meint, in einer Kulisse von „Herr der Ringe“ zu wandern. Die windgebeugten Bäume tun ihr übriges dazu. Nach zwei Stunden sind wir am Ziel und können wir in ca. 3 km Entfernung den Grey-Gletscher bewundern, der sich in den gleichnamigen See schiebt und diesen mit blau schimmernden Eisbergen füttert.
Zurück im Zeltcamp wartet noch ein Highlight auf uns: Luis‘ 3-Gänge-Menü, das wirklich ausgezeichnet und reichhaltig ist. Wie macht der Mann das bloß in dieser kleinen Küche? Es schmeckt jedenfalls klasse – und es könnte so richtig gemütlich sein, wenn der Raum auch noch warm wäre… Sebastian erzählt uns, dass der Aufbau eines Ofens nur knapp gescheitert ist (ein entscheidendes Teil wurde in Punta Arenas vergessen…). Daher müssen wir wieder in voller Outdoor-Montur essen – und den Rotwein am Kaminfeuer in der Küche aufwärmen, um ihn auf Trinktemperatur zu bringen! Und je nachdem, wie lange das geschieht, geht das ganze dann eben mehr in Richtung Glühwein…

18.11.2009 – Torres del Paine Nationalpark, Tag 2
Da meine Erkältung mich noch im Griff hat, kläre ich mit Sebastian ab, dass ich heute aufs wandern verzichte und stattdessen mit José im Bus mitfahren möchte. Das ist kein Problem, und so setzen wir den Rest der Gruppe zur 4-Stunden-Wanderung in Richtung Laguna Verde ab. José und ich fahren mit dem Bus zum Endpunkt der Wanderung. Das ist immerhin auch eine Zwei-Stunden-Tour, da wir einmal komplett um den großen Lago Sarmiento herum müssen. Leider sind meine Spanisch-Kenntnisse nicht die umfangreichsten, aber dennoch klappt die Verständigung mit José gut. Und die Fahrt entwickelt sich zu einem einzigartigen Erlebnis. Ständig begegnen wir der anderen Vertretern der Tierwelt des Parks: Magellangänse, Schwarzhalsschwäne, Nandus und jede Menge Guanakos. Wir fahren weiter ostwärts um den See herum und kommen so in entlegenere Teile des Parks. Die Sonne kommt heraus, und beim Blick nach Osten sieht man nun schon bis nach Argentinien hinein. Ich bitte José um einen Fotostopp, als ein Gaucho postkartengerecht mit dem Paine-Massiv im Hintergrund durch die Pampa reitet. Als er über den nächsten Hügel verschwunden ist, genieße ich einfach die Aussicht auf die Landschaft und mache plötzlich eine Erfahrung, die sich kaum wirklich beschreiben lässt: Stille. Absolute Stille. Kein Vogel, kein Wind – kein Auto und auch sonst kein Mensch. Einfach nichts – nur der „sound of silence“ über einer rauen, aber unheimlich schönen Landschaft, die einen in ihren Bann zieht. Das ist es wohl, was Bruce Chatwin in seinem Buch „In Patagonien“ schreibt: „Diese Erde ist eine unbarmherzige Liebhaberin. Sie verhext. […] Sie nimmt Sie in ihre Arme und lässt Sie nie wieder gehen.“
José und ich kommen schließlich am Treffpunkt an und nutzen die verbleibenden Stunden bis zum Eintreffen der Gruppe für ein Nickerchen im Bus (später am Abend läuft die Diskussion, wer von uns beiden nun wen durch Schnarchen vom Schlafen abgehalten hat!).Beim Abendessen feiern wir noch Christians Geburtstag – irgendwoher zaubert Luis sogar einen Kuchen mit Kerze hervor!

19.11.2009 – Torres del Paine Nationalpark, Tag 3
Der Tag beginnt mit klarem blauen Himmel und bester Sicht auf das Paine-Massiv von unserem Zeltplatz aus. Von den Wanderungen steht heute das Highlight an: es geht zur „Base de las Torres“. Vier Stunden pro Weg und gute 700 Höhenmeter gilt es zu überwinden für den Blick auf die Granittürme, die dem Park ihren Namen geben. Aber erstmal müssen wir 1,5 Stunden durch den Park fahren, bis wir am Startpunkt sind. Dabei überqueren wir den Rio Paine auf einer Brücke, bei der ein Warnschild darauf hinweist, dass es wohl besser ist, wenn Fahrzeug und Passagiere die Überquerung getrennt vornehmen… Einige von uns gehen auf Nummer sicher und nehmen daher ihren Rucksack mit aus dem Bus. Nachdem Mensch und Material heil über die Brücke gekommen sind, können wir dann starten. Die ersten 200 Höhenmeter sind recht schnell überwunden. Der Blick zurück geht über die Weiten des Parks, und nach vorne blickt man bald hinein ins Tal des Rio Ascensio. Nur eine kleine Biegung in das Tal hinein, und mit einem mal ist es wieder angeschaltet: das patagonische Kaltluftgebläse, Stufe 4… Wir gehen hinab bis zum Fluss (die 700 Höhenmeter sind also eine rein mathematische Angabe) und machen dort Rast. Am Fluss ist es schön sonnig und windgeschützt. Anschließend geht es für eine gute Stunde auf und ab durch einen zauberhaften Lenga-Wald, der einen wieder an „Herr der Ringe“ erinnert. Am Ende des Waldes ein Schild: noch 45 Minuten bis zum Ziel. Aber die haben es in sich, denn es geht nun steil bergauf, durch die Moräne eines Gletschers, der schon längst nicht mehr da ist. Trotz der teilweise riesigen Felsbrocken ist aber ein guter Weg angelegt. Der Großteil der Gruppe sprintet diesen Hang hinauf, dass selbst Bergziegen blass würden. Ich dagegen bilde keuchend und immer noch erkältet mit Sebastian die Nachhut. Er beruhigt mich aber dahingehend, dass wir ein absolut normales Tempo gingen. Offensichtlich ist der durchschnittliche Fitnessgrad der Gruppe diesmal ungewöhnlich hoch.
Auch Sebastian und ich kommen schließlich ans Ziel, und der Ausblick auf die drei Granittürme, die vor einem in den Himmel ragen, ist schlicht atemberaubend. Während wir unsere Brotzeit genießen, fängt besagter Himmel leider an, sich zuzuziehen und die Spitzen der Türme allmählich in Wolken einzuhüllen. Das sind nur die Vorboten eines plötzlichen Wetterumschwungs: innerhalb weniger Minuten fällt die Temperatur merklich und ein paar Schneeflocken tanzen durch die Luft. Die Torres sind nun fast nicht mehr zu sehen, und so machen wir uns auf den Rückweg. Auch hier laufen die „Bergziegen“ wieder schnell einen Vorsprung heraus. Nach halber Strecke treffen wir uns alle im Refugio Chileno, um mit einem leckeren Cerveza Austral ein paar Kalorien aufzufüllen. Beeindruckt von dem, was wir gesehen haben, bauen wir aus den leeren Dosen die Torres-Landschaft nach (inklusive See und Kondor).
Überflüssig zu erwähnen, dass die Bergziegen-Fraktion auch den Rest der Strecke deutlich schneller zurücklegt, Sebastian und ich bilden wieder die Nachhut. Wir haben viel Zeit für eine gute Unterhaltung, bei der ich ihm vorschlage, all die Anekdoten, die er uns aus seinen knapp 10 Jahren in Patagonien erzählt hat, als Buch zu veröffentlichen. Schließlich kann er wirklich gut erzählen (und nach der Chatwin-Lektüre glaube ich mehr denn je an einen Erfolg!). Als wir aus dem Ascensio-Tal herauskommen und den weiten Blick auf den Park genießen, der nun im warmen Abendlicht vor uns liegt, ist sie wieder greifbar: diese faszinierende Stille. Sebastian findet eine andere treffende Bezeichnung dafür: „die Ruhe vor dem Sturm“…
Erst kurz nach 21 Uhr sind wir zurück im Camp. Ein wie immer exzellentes Menü à la Luis ist ein perfekter Ausklang für diesen anstrengenden, aber erlebnisreichen Tag.

20.11.2009 – Auf nach Argentinien!
Zum Abschied von den Torres del Paine legt sich Mutter Natur nochmal richtig ins Zeug und bietet uns ein spektakuläres Morgenlicht über dem total wolkenfreien Paine-Massiv. Das ist wenigstens ein netter Nebeneffekt des frühen Aufstehens, das aufgrund der langen Fahrstrecke, die heute vor uns liegt, nötig ist. Um 6:30 Uhr genießen wir das letzte Frühstück von Luis, und dann geht es los Richtung Grenze. Um 9:30 h sind wir dort, und hier heißt es nun Abschied nehmen von José. Wir wechseln den Bus und reisen aus Chile aus. Da das Verhältnis zwischen Chile und Argentinien nicht so ganz unverkrampft ist, müssen wir erst einige Kilometer durchs Niemandsland fahren, bis wir an den argentinischen Grenzposten kommen, um dort einzureisen. Die „speziellen Gepflogenheiten“ der Grenzer sind wohl auf die außergewöhnliche Lage dieses Postens zurück zu führen (das hier ist sicherlich nicht unbedingt ein „Karriere-Posten“…)
Wir fahren stundenlang durch die argentinische Pampa… und der Begriff passt, denn es geht auf einer Schotterpiste durch eine flache, grasbewachsene Landschaft, die in ihrer Eintönigkeit mit dem grauen Himmel mithält. Irgendwo im Nichts taucht eine Tankstelle auf. Hier biegen wir nun auf eine geteerte Straße in Richtung El Calafate ab, wo wir um 13:30 h ankommen. Gestärkt mit ein paar Empanadas aus dem Supermarkt holen wir Iris ab, die uns als obligatorische Reiseleiterin zum Perito Moreno Gletscher begleitet. Als wir beim ersten Aussichtspunkt ankommen, regnet es wieder. Aber es hört rechtzeitig auf, als wir unsere 90minütige Tour über die Holzplanken starten, die zu verschiedenen Aussichtspunkten auf den Gletscher führen. Und es ist wieder ein beeindruckendes Naturerlebnis: man steht nur ca. einen Kilometer weg von der Gletscherzunge, die an dieser Stelle mehr als drei Kilometer breit und über 60 Meter hoch ist. Ständig knackt es irgendwo in diesen Eismassen, und immer wieder brechen kleinere oder größere Brocken ab, um mit ordentlichem Getöse im Lago Argentino zu landen. So etwas im Bild festzuhalten, gelingt aber keinem unserer „Foto-Freaks“ (bis man das Knacken hört, liegen die Brocken eben schon längst im Wasser).
Wir verlassen den Perito Moreno und mit El Calafate auch wieder die Zivilisation – vor uns liegen noch gut 200 km Einöde bis zu unserem Quartier in El Chaltén. Während der Fahrt taucht die Abendsonne die Landschaft in ein schönes warmes Licht. Nur die Berge liegen in den Wolken, so dass man den über El Chaltén thronenden Monte Fitz Roy nur erahnen kann.
Die Entfernungen sind schon gigantisch. Als wir um kurz vor 22 Uhr in El Chaltén eintreffen, haben wir gute 11 Stunden im Bus gesessen und über 600 km zurück gelegt. Von den Torres del Paine bis zum Perito Moreno sind es eigentlich nur ca. 80 km Luftlinie… wenn man so will: eine ganz spezielle „Erfahrung“ an diesem Ende der Welt…
Die einzige Nacht in Argentinien noch vor uns, gehen wir zum Abschluss des langen Tages noch essen – und in Argentinien MUSS es einfach ein Steak sein! Zu den tellerfüllenden Fleischstücken passen auch die Literflaschen Bier sehr gut… Salúd!

21.11.2009 – „Auf abenteuerlichen Wegen zurück nach Chile“
…so heißt es heute im Programm, und das ist wahrlich zutreffend. In El Chaltén besteigen wir einen „Volksbus“. Der ist nun schon unser drittes Gefährt mit einem Riss in der Windschutzscheibe – das bleibt wohl nicht aus bei den vielen rumpligen Schotterpisten. Über eine solche geht es ins Hinterland bis zur Laguna del Desierto, die wir per Boot überqueren. Als wir an Land gehen, fängt es an zu – schneien! Und zwar so stark, dass wir alle schnell Unterschlupf in einer Hütte suchen. Da nun die Wanderung zurück nach Chile losgehen soll, kramen alle ihre Regensachen hervor. Bevor wir losgehen können, müssen wir aber noch ausreisen. Also betreten wir alle die kleine Hütte, in der ein besonders beflissener Grenzer alle unsere Passdaten fein säuberlich in ein Buch notiert, dessen Seiten mit korrekt vorgezeichneten Spalten versehen sind. Da an diesem Grenzübergang nur ca. 200 Leute pro Jahr vorbeikommen, und diese Eintragungen doch ein wenig eintönig sind, bemüht er sich um Smalltalk und fragt Birgit, die „from Austria“ ist, wie viele Kängurus es denn bei ihr zuhause gibt… Und dann passiert es: irgendwann ist die Seite im Buch voll, und er muss umblättern. Auf der neuen Seite sind noch keine Spalten eingezeichnet! Das wirft unseren armen Grenzer ziemlich aus der Bahn. Aber schon nach einer Minute löst er sich aus seiner Schockstarre und greift sehr pragmatisch zum Lineal…
Die Zeit, bis auf diese Weise neun Leute ausgereist sind, hat ohne Übertreibung ausgereicht, dass draußen der Schnee in Sonnenschein und wieder zurück in grauen Himmel überging. Wir lassen unser Hauptgepäck zurück und wandern los, zunächst ein wenig bergauf, dann wird es flacher. Der Wald sieht nicht nur durch den frischen Schnee sehr märchenhaft aus. Irgendwann unterwegs überholen uns die Pferde mit unserem Gepäck, das gut gegen die Wetterunbillen eingepackt ist. Das ist auch nötig, denn plötzlich fängt es wieder an zu schneien – richtig dicke Flocken, und im Nu ist alles weiß. Sebastian schaut wieder durch die patagonische Wetterbrille und meint: „Wenn das so weitergeht, fängt’s noch an zu schneien.“ Gut zwei Stunden später steht irgendwo mitten im Wald tatsächlich ein Grenzstein sowie Schilder, die einen – je nach Wanderrichtung – in Argentinien bzw. Chile willkommen heißen. Nach Rastpause und Gruppenfoto geht es nun langsam aber sicher abwärts. Der Wanderweg ist nun meist eine geschotterte Fahrpiste und daher nicht mehr ganz so schön wie noch auf der argentinischen Seite. Knapp vier Stunden nach Überschreiten der Grenze erreichen wir den chilenischen Grenzposten Candelaria Mansilla und sind nun endlich nicht mehr staatenlos. Die Toilette ist offiziell „Raum Nr. 15“ und mit einer akribisch genauen Inventarliste versehen, die sogar deutschen Ansprüchen genügen würde (hier muss es wohl ähnlich langweilig sein wie auf der argentinischen Seite…).
Vom Grenzposten sind es noch ein paar Schritte bis zum Ufer des Lago O’Higgins, wo schon ein Boot auf uns wartet. Bevor wir das betreten, heißt es (leider) Abschied nehmen von Sebastian, der uns nun sechs Tage hervorragend, kompetent und sympathisch durch den Süden Patagoniens geführt hat. Während wir über den See schippern, muss der arme Kerl den ganzen Wanderweg wieder zurückgehen. Insgesamt wird er schlappe vier Tage unterwegs sein, bis er wieder in zurück in Punta Arenas ist.
Nach einer knappen Stunde Überfahrt erreichen wir Villa O’Higgins, wo uns mit Stefan als Reiseleiter und Fredy als Fahrer ein neues Team erwartet – und, hey, es gibt einen Bus ohne Riss in der Scheibe!

22.11.2009 – Carretera Austral, die erste Etappe
In Villa O’Higgins beginnt eines der großen Abenteuer Chiles: die Carretera Austral. Eine Schotterpiste, die zu Zeiten Pinochets der Wildnis abgerungen wurde, und von dieser abgelegenen Region bis nach Puerto Montt ca. 1500 km nach Norden führt. Der viele Sprengstoff, der zum Bau der Straße nötig war, ist von Pinochet wenigstens mal einer sinnvollen Verwendung zugeführt worden.
Wir machen uns nun auf, Chile auf diesem Wege zu „erfahren“. Nach den ersten 100 km steigen wir kurz auf eine Fähre, um den Rio Bravo zu überqueren. Fredy lässt uns von seinem Mate probieren. Sagen wir mal so: die Faszination, mit der die Südamerikaner dieses Teeritual zelebrieren, erschließt sich uns nur teilweise…. Nach weiteren 30 km durch den Urwald biegen wir ab nach Caleta Tortel. Ein sehr interessantes Dorf, das sehr entlegen an einer hügeligen Bucht liegt. Die einzelnen Teile des Ortes sind alle durch Holzstege und -Treppen verbunden, und überhaupt ist alles komplett aus Holz, sogar der Kinderspielplatz…
Nach weiteren 100 km lässt uns Stefan nochmal aussteigen und zeigt uns nur ein paar Schritte abwärts von der Straße einen tollen Wasserfall. Die Sonne steht in unserem Rücken und zaubert spektakuläre Regenbögen in die aufspritzende Gischt. Interessant, dass nicht mal ein Schild an der Straße auf eine solche Attraktion hinweist. In einem Land mit derart vielen Natur-Highlights ist das wohl einfach eines von vielen…
Wir fahren weiter durch das Tal des Rio Baker und passieren in Cochrane den einzigen Geldautomaten in über 200 km Umkreis. Die Landschaft ist einzigartig schön, immer wieder ergeben sich tolle Blicke in die Weite, die am Horizont von in der Sonne leuchtenden schneebedeckten Gipfeln begrenzt werden. Man möchte viel öfter anhalten, um Fotos zu machen oder einfach mal in Ruhe zu schauen. Aber das ist einfach nicht möglich, denn sonst kommt man ja überhaupt nicht voran, angesichts der Distanzen in diesem weiten Land.
Nach insgesamt 350 km Schotterpiste erreichen wir am Abend unsere Cabanas direkt am Ufer des Lago General Carrera. Die Hütten sind sehr gemütlich eingerichtet und der Ausblick auf den von Bergen eingerahmten See ist einfach fantastisch. Erich und ich müssen allerdings in eine Hütte aufs Nachbargrundstück ausweichen, da in der eigentlich vorgesehenen Cabana eine Wasserleitung durch den Nachtfrost geplatzt ist. Das spricht für klare Nächte, und in der Tat: als wir vom Abendessen in unsere Hütten zurückkehren, spiegelt sich das Mondlicht im See, und die klare Luft in dieser sehr dünn besiedelten Gegend sorgt für einen Sternenhimmel, an dem nicht nur das dicht über dem Horizont stehende Kreuz des Südens fasziniert …

23.11.2009 – Die Marmorgrotten
Am Morgen laufen Erich und ich nicht über die Straße, sondern am Strand entlang zum Frühstück. Die Sonne scheint von einem wolkenlosen Himmel und der See liegt in einem tiefen klaren Blau vor uns. Wir treffen ein deutsches Paar, das nun weiterreist, und können ihre Erzählungen gar nicht glauben, dass es die ganze letzte Woche nur geregnet hat. Da unsere Reisegruppe zahlenmäßig überlegen ist, ist die Abstimmung eindeutig, dass wir das gute Wetter mitgebracht haben und auch behalten werden!
Nach dem Frühstück fahren wir um das westliche Ende des Sees herum, um zu den Marmogrotten zu gelangen. Wir laufen zu Fuß über eine kleine Brücke, die den See vom angrenzenden Lago Bertrand abgrenzt und genießen herrliche Ausblicke über das klare blaue Wasser, umrahmt von Bergen, deren Schneekappen in der Sonne glitzern. Der Bus fährt nach uns über die Brücke. Als er an mir vorbeifährt, höre ich ein merkwürdiges regelmäßiges „flapp-flapp“. Schon wieder ein platter Reifen. Inwieweit Fredys „sportlicher“ Fahrstil die Belastung durch die Carretera Austral unterstützt hat, wissen wir nicht. Jedenfalls haben wir Glück, dass der Bus auf der Hinterachse doppelt bereift ist, so dass wir erstmal weiterfahren können.
Wir halten auf einer kleinen Anhöhe an. Von dort bietet sich ein einzigartiger Panoramablick über den Lago General Carrera. Trotz seiner Ausmaße (immerhin der zweitgrößte See Südamerikas) ist er heute so ruhig, dass sich die schneebedeckten Berge im Wasser spiegeln.
Wir fahren noch weiter bis Puerto Tranquilo. Selten erschien ein Ortsname passender, denn hier kann man nicht wirklich vor Aufregung einen Herzinfarkt erleiden. Während Fredy sich unter dem Wagen an dem kaputten Reifen zu schaffen macht, entern wir ein Motorboot. In Dreierreihen sitzen wir dick eingemummelt, denn der Fahrtwind ist empfindlich kalt. Nach einigen Minuten sind wir bei den Marmorgrotten. Hier hat der See ein kleines Marmormassiv ausgehöhlt und meisterhaft glattpoliert. Langsam umkurven wir auch die größere Marmorkapelle und „landen“ sogar an der Marmorkathedrale an. Wirklich faszinierend, was die Natur hier ausgeschliffen hat. Und an manchen Stellen zwischen den Felsen ist der See so ruhig, dass man durch sein klares Wasser bis auf den Grund blicken kann.
Am Nachmittag sind wir zurück in den Cabanas. Das Tagesprogramm ist schon beendet, daher zieht sich die Hälfte der Gruppe zum Relaxen zurück. Christian, Erich, Ivo und ich fahren mit Stefan und Fredy gut zwei Kilometer bis zum Wasserfall El Maqui, der von der Straße aus sichtbar den Hügel herunterfließt. Fredy beschließt, sein Glück beim Angeln zu versuchen. Angeführt von Stefan geht der Rest über eine Wiese und steht nach 10 Minuten am Fuß des Wasserfalls. Stefan fragt uns, ob wir noch eine halbe Stunde dranhängen wollen, um zum Kopf des Wasserfalls aufzusteigen. Klar machen wir das! Und sind überwältigt von dem Ausblick, der uns dort oben erwartet. Ein 180°-Panoramablick über den Lago General Carrera und die ihn einrahmenden Berge, allen voran der 4058 m hohe San Valentin. Leider sind mir nun die Superlative zur Beschreibung von Panoramen ausgegangen… aber bei diesem Ausblick sind wir alle sprachlos, und so sitzen wir einfach nur auf der Felskuppe über dem Wasserfall, lassen uns die warme Abendsonne ins Gesicht scheinen und genießen diese Aussicht für eine gute halbe Stunde.
Am Abend gibt es noch das muntere Hüttenwechselspiel: Katja und Christian beziehen eine eigene Cabana (wo das deutsche „Regenpaar“ ausgezogen ist). Dafür nehme ich das freigewordene Zimmer in der Hütte bei Marc und Ivo (was die Wegstrecken zum Restaurant für mich verkürzt!).

24.11.2009 – Hoch zu Ross
Wieder ein perfekter blauer Himmel. Nach dem Frühstück fahren wir ein Stück ins Valle Leon. Dort heißt es aufsatteln für eine ca. vierstündige Reittour. Viele von uns sitzen zum ersten mal auf dem Rücken eines Pferds, aber die Tiere kennen den Weg (und ihre Besitzer erst recht). Wir reiten ständig bergauf, manchmal auf einem breiten Weg oder über Wiesen, aber manchmal auch quer durchs Gestrüpp (kleiner Tipp: wenn die Hose nicht lang genug ist, gibt’s durchaus ein paar blutende Kratzer an den Beinen). Man stellt fest, dass Pferde irgendwo auch nur Menschen sind: manche sind sehr eigen, und schneiden einem regelrecht den Weg ab, wenn man überholen möchte.
Nach ca. zwei Stunden sind wir am Ziel angekommen und sitzen ab. Mit einem herrlichen Blick zum Gletscher Melincina genießen wir die mitgebrachten Sandwiches, gekochte Eier, Kaffee und mehr.
Wir sitzen wieder auf, und Fredy müht sich mit mehreren Kameras ab, damit jeder noch ein Gruppenfoto bekommt. Dann geht es wieder zurück. Die Route variiert etwas, so dass wir nun auch mal einen Fluss queren. Bergab reiten ist ein wenig anstrengender als bergauf, wie mir meine Knie mitteilen. Leider lassen sich die Steigbügel nicht verlängern. Auch mein Pferd verliert scheinbar ein bisschen die Lust, denn irgendwie reagiert der gute nicht mehr so auf meine Kommandos, wie er das noch auf dem Hinweg getan hat. Tja, und dann … schert er aus der Reihe aus und setzt sich einfach hin! Wie ein Kamel: erst Vorderfüße einknicken, dann Hinterfüße, und dann sitzen wir beide so da und parken. Gut zureden hilft nicht, und so heißt es für mich absteigen und zu Fuß weitergehen (was mir in dem Moment meine Knie aber durchaus gedankt haben). Kaum bin ich abgestiegen, steht der Gaul keck auf und fängt an zu fressen. So was! Das nehme ich nun ein bisschen persönlich. Das Pferd bleibt zurück, es wird schon den Rückweg finden. xxxx, einer unserer Begleiter, bleibt auf dem Weg bei mir, aber viel langsamer als der noch berittene Rest der Gruppe bin ich auch nicht. xxxxx vermutet, dass mein Pferd krank ist, denn offenbar haben viele Pferde aufgrund des nassen Frühlings und der damit verbundenen schlechten Qualität des Futters Magenprobleme.
Wieder unten am Ausgangspunkt angekommen, gibt’s für die Reiter (und Fußgänger) erstmal ein kühles Bier oder andere Drinks.
Als wir zurück bei den Cabanas sind, hilft nur eines gegen die Anstrengungen dieses Tages: einmal in den See. Christian und Ivo sind „verrückt“ genug, um zu einem kleinen Inselchen rüberzuschwimmen. Katja, Marc und ich belassen es beim Durchwaten. Aber auch das kühlt die zerschundenen Beine (siehe oben…) gut genug.

25.11.2009 – Über Coihaique nach Puyuhuapi
Die heutige Tagesroute klingt wie eine logopädische Übung. Man sollte darüber nachdenken, dass diejenigen, die das dreimal hintereinander fehlerfrei aussprechen können, für diesen Tag ein Extra-Sitzkissen bekommen, denn was sich so lustig liest, heißt übersetzt: 530 km Fahrt – und davon zwei Drittel Schotterpiste! Nach gut 85 km davon lassen wir den Lago General Carrera hinter uns. Auch heute haben wir hier noch bestes Wetter, aber ein paar Wolken am Himmel lassen einen Wetterwechsel vermuten.
Weitere 70 km später machen wir einen Halt am Ufer des Rio Ibanez. Im Flussbett stehen zahlreiche leblose Baumstümpfe – die Folge eines Ausbruchs des nahegelegenen Vulkans Hudson, dessen Asche- und Lavaauswürfe dem Fluss und seiner Fauna die Lebensgrundlage entzogen haben.
Nach drei Stunden Geruckel ein denkwürdiger Moment: zum ersten mal seit vier Tagen haben wir wieder Asphalt unter den Rädern. Durch das plötzlich sehr viel ruhigere Fahrgeräusch hört man jeden förmlich aufatmen. Es geht weiter durch eine Landschaft mit saftig grünen Wiesen, die von Kühen beweidet sind – erinnert ein wenig an den Schwarzwald. Kurz später erreichen wir mit Coihaique, der Hauptstadt der Provinz Aisen, die erste größere Insel der Zivilisation seit einigen Tagen. Auf Anraten von Stefan haben wir bis hierher gewartet, um unsere Postkarten einzuwerfen, weil diese Stadt doch besser angebunden ist als das kleine Puerto Guadal am Lago General Carrera – und tatsächlich: schon zwei Monate später sind sie in Deutschland angekommen!
Nachdem wir uns ein wenig die Füße vertreten haben, fahren wir weiter. 120 km nach Coihaique ist es wieder vorbei mit dem Asphalt. Die Schotterpiste wird so richtig abenteuerlich, wenn es in das Gebiet des Nationalparks Queulat geht. Teilweise fährt man wirklich mitten durch den Urwald, direkt links und rechts der Piste meterhohes Grün, Bäume, Farne, Nalcos (eine Rhabarberart mit riesigen Blättern). Wir halten an und wandern kurz durch den Bosque Encantado. Es ist wirklich ein verzauberter Wald, überall hängt Moos auf und von den Bäumen. Es tröpfelt ein bisschen, was die Stimmung für diesen Regenwald irgendwie abrundet.
Kurz später machen wir noch einen Stopp und laufen eine kurze Strecke zu einem Aussichtspunkt auf den Ventisquero Colgante, den hängenden Gletscher. Schon interessant, wie er da so hoch oben in einem Bergeinschnitt hängt und sein Schmelzwasser sich in zwei Wasserfällen in den tiefer liegenden Fluss ergießt.
Den Rest der Schotterpiste bis Puyuhuapi sitzt man quasi „auf einer Backe ab“ (klar, die andere spürt man schon nicht mehr). Kurz vor 20 Uhr erreichen wir schließlich das Casa Ludwig in Puyuhuapi. Nicht das einzige Zeichen vieler deutscher Wurzeln, schließlich kreuzt hier die Via Otto Übel die Via Hamburgo …

Übrigens: wem die viele Fahrerei zu langweilig ist, der kann die Schilder beobachten, die vor Gefällen oder Steigungen entlang der Carretera Austral stehen. Auf den ersten Blick nur ein Keil mit einem Auto drauf. Aber letzteres ist nie dasselbe! Auto oder Lkw, Kompaktklasse oder „Stretchlimo“, mit oder ohne Fahrer… es gibt mindestens 10 Variationen!

26.11.2009 – Weiterfahrt zum Lago Yelcho
Nach einem gemütlichen Frühstück verlassen wir das Casa Ludwig und fahren weiter auf der Carretera Austral nach Norden. Nach 50 km machen wir Zwischenstopp in La Junta zum Auftanken. Auch wir müssen einkaufen, denn am nächsten Tag müssen wir die Fähre nach Puerto Montt nehmen. „Wenn wir Glück haben, bekommen wir das schnelle Schiff – und dann dauert es nur 10 Stunden“. meint Stefan. Also decken wir uns im Supermarkt und der Panaderia entsprechend ein. Die restlichen 90 km der heutigen Fahretappe schaffen wir dann recht schnell. Unser Quartier, eine Anglerlodge direkt am Lago Yelcho, ist ein wahres Juwel: schöne, geräumige Zimmer mit Sitzbänken in den Fenstern, von denen man aus über den See blicken kann. Das nutzen einige, um mal einen richtigen relaxten Nachmittag zu verbringen. Es gibt aber auch ein Angebot für diejenigen, die sich noch bewegen wollen, und so fahren Erich, Birgit, Ivo und ich mit Stefan zu einer Wanderung zum Glaciar Yelcho. Der viele Regen der Saison hat den Weg stellenweise ziemlich aufgeweicht, und irgendwann müssen wir schließlich vor den Riesenpfützen kapitulieren und umdrehen. Unterwegs schneidet uns Stefan ein Stück Nalco zum Probieren ab – es sieht nicht nur so aus, sondern schmeckt auch nach Rhabarber. Das wahre kulinarische Highlight dieser Wanderung kommt aber noch. An einem schönen Aussichtspunkt auf den Gletscher, direkt am Fluss, umrahmt von den großen Nalco-Blättern greift Ivo in seinen Rucksack und zaubert zwei „Dosenbrot“ hervor. Ein wahrer Genuss, das kühle Cerveza Austral in der warmen Nachmittagssonne einzunehmen…

27.11.2009 „We are sailing…“
Wie bereits erwähnt, das heutige Haupt-Verkehrsmittel ist nicht der Bus, sondern ein Boot: die Fähre von Chalten nach Puerto Montt. Bis zum Startpunkt ist es nur eine Stunde Busfahrt, also bleibt noch Zeit, sich ein wenig in Chalten umzusehen. Das hat etwas von Katastrophentourismus, denn im Mai 2008 ist die Stadt von einer Schlammflut überrollt worden. Der Fluss durch die Stadt war nach einem Ausbruch eines benachbarten Vulkans weit flussaufwärts blockiert worden. Irgendwann wurde der Druck der aufgestauten Wassermassen so groß, dass sich eine gewaltige Flutwelle talwärts ergossen hat. Die Folgen davon sind immer noch unübersehbar: viele zerstörte Häuser, überall noch Schlamm und Sand in den Straßen und um die Häuser, zerstörte und herabhängende Telefonkabel – auch wenn es wie eine Geisterstadt wirkt, leben immer noch Leute hier.
Der triste graue Himmel tut hier sein übriges zur Stimmung.
Eine halbe Stunde läuft die Fähre „Rincoya“ in den kleinen Hafen ein (eigentlich erstaunlich, dass es hierher immer noch eine regelmäßige Fährverbindung gibt). Nach Stefans Erfahrung gehört die Rincoya nicht gerade zu den Expressfähren, so dass wir uns eher für gute 12 Stunden auf dem Schiff einrichten müssen. Die Fähre ist auch eher spartanisch eingerichtet (immerhin gibt es einen kleinen Kiosk an Bord) und so rechnen Ivo und ich die Wahrscheinlichkeit aus, vor der Ankunft in Puerto Montt an Langeweile einzugehen…
Aber immerhin werden über den PC im Kiosk ein paar Filme auf einem Fernseher gezeigt. Zum Warmwerden kommt eine National Geographic Dokumentation, u. a. über Leute, die sich Nadeln durch Körperteile treiben und sich dann daran an der Decke aufhängen. Danach kommt dann ein Spielfilm, in dem zwei der Hauptdarsteller relativ bald die Hosen runterlassen… also, Mitarbeiter der FSK hätten ihre helle Freude gehabt, da auch kleine Kinder an Bord waren. Zur Entspannung gab es danach noch einen etwas horrormäßig angehauchten Thriller….
Wir gehen daher lieber mal raus an Deck (d. h. eine schmale Leiter hoch auf die oberen Aufbauten). Immerhin gibt es ab und zu einen Pinguin oder einen Seelöwen zu sehen. Meistens aber nur Wasser und in der Ferne ein paar Berge. Hier und da ein Möwe. Es führt zu wahren Adrenalinschocks, wenn mal zwei Möwen gleichzeitig aus verschiedenen Richtungen auf das Schiff zufliegen. So viel Abwechslung, man weiß gar nicht, wo man zuerst hinschauen soll…. Irgendwann am Nachmittag, nach ca. 8 Stunden Fahrt, kommt aber wenigstens die Sonne raus, gerade rechtzeitig, um den Vulkan Calbuco, der langsam in Sicht kommt, zu bescheinen. Jetzt wird es noch richtig schön an Bord. Wir essen unseren Proviant an Deck. Katja und Christian legen sogar ein Tänzchen hin. Immer mehr Vulkane zeigen ihre schneebedeckten Gipfel, allen voran der schöne Kegel des Osorno, der sich hinter dem Calbuco hervorschiebt.
Nach ca. 11,25 Stunden (die sich auch mindestens genauso lange angefühlt haben) erreichen wir Puerto Montt. Als wir um 21.15h dort anlegen, glühen die Vulkane förmlich im Licht der untergehenden Sonne. Noch eine knappe Stunde Busfahrt, und wir sind in Ensenada angekommen. Wir wohnen dort in den Cabanas „Brisas del Lago“ direkt am Ufer des Llanquihue-Sees, nicht weit weg vom Osorno, dessen Silhouette malerisch vom Mond beschienen wird. Die Cabanas sind wirklich schön und geräumig – und vor allem war hier mal jemand so schlau, die Gasöfen schon anzuheizen. Ein schon lange nicht mehr gekannter Luxus, am Abend ein gewärmtes Zimmer zu betreten… vielen Dank dafür!

28.11.2009 – Rund um Ensenada
Wie sagt ein altes chilenisches Sprichwort? „Der frühe Vogel knipst den Vulkan“. Um halb 8 leuchtet der weiße Gipfel des Osorno in der Sonne vor dem blauen Himmel, dass es eine wahre Pracht ist. Während Erich und ich bereits am Strand hinter den Cabanas Fotos machen, putzt sich Ivo noch die Zähne, bevor er dazu kommt. Aber als er rauskommt, ist der Vulkan weg – eingepackt in dichten Wolken. Tja, 10 Punkte für Hygiene, aber ein paar hundert miese für schlechtes Timing…
Nach dem Frühstück stößt Hanna zu uns. Sie wird uns für die restlichen Tage begleiten und das Bike-Programm mit uns bestreiten. Wir verabschieden uns von Stefan und brechen auf zum Osorno, wo eine Abfahrt mit den Mountainbikes von 1200 m Höhe geplant ist. Von dort bietet sich eine fantastische Aussicht über den See… sagt man jedenfalls – wir sind mittendrin in den Wolken, und man sieht kaum 10 m weit. Marc ist als einziger mutig (oder verrückt?) genug, dennoch die Abfahrt zu wagen. Der Rest fährt im Bus wieder zu Tal und steigt erst dort aufs Rad. Ich muss feststellen, dass die Frage nach der Körpergröße bei der Reisebuchung eher informativen Charakter hat, denn es gibt nicht wirklich ein passendes Rad für meine zwei Meter. Fredy bietet mir an, zu seinem Haus zu fahren und mir eines von seinen Rädern zu geben. Aber auch sein größtes Rad hat zwar eine enorm lange Sattelstange, aber keinen passend einstellbaren Lenker – für mich also mehr das Modell „Affe auf Schleifstein“.
Wir radeln ein paar Kilometer über die Straße zu den Wasserfällen des Petrohué-Flusses und dann weiter bis zum Allerheiligen-See. Dort machen wir eine Wanderung entlang diverser Lavaströme des Osorno, dessen Gipfel nach wie vor von tiefen Wolken verborgen ist. Wetterbedingt improvisiert Hanna mit dem Programm so gut sie kann. Sie hat aber, nach all den Highlights und den doch vielen sonnigen Tagen bisher, von Anfang an einen recht schweren Stand.
Nachdem wir unsere Runde am Lago Todos los Santos absolviert haben, können wir entweder per Bus oder per Rad zurück zu den Cabanas. „Bus“ wäre die richtige Wahl gewesen, denn die Radfahrer werden von einem Regenschauer gewaschen, der sich selbiges hat. Mangels Gelegenheit zum Unterstellen werden die höchsten Gänge reingehauen und gestrampelt, was das Zeug hält. Als wir völlig durchnässt schließlich auch in den Cabanas ankommen, werden wir von den „Busfahrern“ ungläubig bestaunt, denn dort, nur 10 km weiter, hat es keinen Tropfen geregnet…
Das Abendessen nehmen wir in einem ca. 1 km entfernten Restaurant ein – auf dem Rückweg trifft der Regen dann alle…

29.11.2009 – Rafting-Tour
Wieder ein stark bewölkter Himmel – und wieder vom Osorno nichts zu sehen. Und die Wetteraussichten verheißen auch nichts gutes. Wegen der Aussicht auf Regen und Kälte wollen Katrin, Birgit und Erich auf die geplante Rafting-Tour verzichten, auch angesichts bereits mehr oder weniger ausgeprägter Erkältungen. Die drei fahren mit dem Taxi nach Puerto Montt, um sich dort ein wenig umzusehen.
Die restlichen fünf fahren zusammen mit Hanna zur Rafting-Base. Trotz leichten Regens gibt es hier ein paar erste kurze „Trockenübungen“, wie man im Boot sitzt, paddelt oder über Bord gegangene Mitfahrer wieder hereinholt. Nach dem Anlegen der Rafting-Garderobe fahren wir zum Startpunkt, wo wir, frisch ausgestattet mit Paddel und Schwimmweste, noch ein paar hundert Meter durchs Gestrüpp wandern müssen, bevor wir endlich in die Boote kommen. Hanna und Marc gehen zusammen mit zwei chilenischen Touristen in ein Boot, Katja, Christian, Ivo und ich werden im zweiten Boot von Guillaume als „Käpt’n“ begleitet. Ein weiterer Kollege der Outdoor-Truppe springt mit der Videokamera um uns herum und filmt, wie wir einsteigen. Dann fährt er im Kajak vor, um auch spektakuläre „Live-Aufnahmen“ von uns zu machen.
Einen Vorteil hat der viele Regen der letzte Zeit: der Rio Petrohue führt mächtig viel Wasser, und wir entern den Fluss dort, wo es gleich richtig Spaß macht! Es dauert keine halbe Minute, und einige bis zu 2 m hohe Wellen haben uns alle kräftig gewaschen. Nun macht es auch nichts mehr aus, dass es anfängt zu regnen. Die Berg- und Talbahnfahrt durch die Wellen sorgt für großes Gejohle allerseits, und Ivo haut es sogar kurzfristig vom Sitz (aber er fällt Gott sei Dank nur nach hinten ins Boot). Christians wasserfeste Kamera erweist sich als wirklich wertvoll für eine zusätzliche Dokumentation (obwohl er sie an den heftigsten Abschnitten immer wegstecken muss, weil alle mitrudern müssen). Viel zu schnell geht der Wildwasserabschnitt vorbei, und die letzten drei Kilometer bis zum Ausstiegspunkt treiben wir ruhig dahin (ab und zu wird eine Runde gepaddelt, um warm zu bleiben). Und wie bestellt reißt dabei der Himmel auf, und die Sonne wärmt uns auf. Wir steigen aus, ziehen uns wieder um (…interessant, wie viel Wasser noch in die Schuhe reingepasst hat) und fahren zurück zur Base, wo es Chips, Obst, Kaffee und den unvermeidlichen Pisco Sour zum Aufwärmen gibt. Während wir uns darum kümmern, werden die Video-CDs fertig gemacht. Ein tolles Erlebnis war das!
Den angebrochenen Nachmittag nutzen wir noch, um mit dem Bus nach Puerto Varas zu fahren. Hanna verhandelt einen Preis von 1000 Pesos pro Person (ca. 1,20 Euro – nicht schlecht für über 40 km Strecke). Wir laufen durch ein paar Straßenzüge und kehren dann ein im „Cafe Dane’s“ – die Kuchenvitrine ist eine Wucht, sie ist vermutlich der Ort mit der höchsten Kaloriendichte im Universum! Und ihr Inhalt ist extrem lecker…
Ausgerüstet mit einigen Empanadas treten wir den Rückweg an – ohne Hanna – und müssen nun für den Bus 1200 Pesos zahlen. Aber angesichts des Wechselkurses fällt die Inflationsrate von 20% innerhalb weniger Stunden ja eher wenig ins Gewicht…
In der Hütte von Katja und Christian lassen wir uns die Empanadas schmecken. Die Puerto-Montt-Shopping-Fraktion stößt dazu, und so lassen wir den Abend bei Pisco, Rotwein und Bier feierlich ausklingen… schließlich ist heute der 1. Advent!

30.11.2009 – Wir improvisieren…
… schon wieder ein regnerischer Morgen. Das Wetterglück hat uns ein wenig verlassen, wie es scheint. Jedenfalls ist es eindeutig zu schlecht für die geplante Biketour. Gerd, der Chef von Aventoura, kommt zu einem kurzen Besuch vorbei. Er schlägt vor, nach Pucon zu fahren, weil dort die Wetteraussichten etwas besser (oder eher: am wenigsten schlecht) sind. Von dort aus könnten wir die geplante Route der Radtour dann umdrehen und südwärts fahren.
Es gibt ja nun nichts, was wirklich dagegen spricht, und so steigen wir in den Bus und sitzen wieder ein paar Stunden darin ab, um nordwärts zu fahren. Um noch das beste aus dem Tag zu machen, schlägt Hanna den Besuch in einem Thermalbad vor. Da wir im Vulkangebiet unterwegs sind, wimmelt es nur so von heißen Quellen, die vielerorts in Form von Badeanstalten „erschlossen“ wurden. Die Termas Geometricas am Fuße des Vulkans Villarica gelten allgemein als schönsten. Die letzten 17 Kilometer dorthin geht es über eine vom Regen ziemlich durchgeweichte Schotterpiste, deren Adventure-Charakter durchaus mit der Carretera Austral mithalten kann.
Interessant sind die am Eingang genannten Öffnungszeiten der Thermen: bis „19 p.m.“! Das sollte uns ausreichen… Man bekommt am Eingang ein Handtuch und, wer möchte, eine extrem kleidsame Plastik-Haarhaube. In kleinen Holzkabinen kann man sich umziehen und sich dann eines von einem guten Dutzend Becken aussuchen, deren Wassertemperaturen zwischen ca. 35 und 42 °C liegen. Da stören Regentropfen nicht mehr wirklich.
Die Becken liegen alle malerisch in einem schmalen Bergeinschnitt, an dessen oberen Ende sich ein Wasserfall befindet. Der hat allerdings keine Verbindung zur Erdwärme, sondern ist Teil eines „normalen“ Gebirgsbachs – seine gefühlte Temperatur liegt deutlich unter 2 cm… Christian, der ja schon am Lago General Carrera durch hohe Kaltwasser-Resistenz aufgefallen ist, stellt sich trotzdem drunter – mir schleierhaft, wie er das ohne Frostbeulen überstanden hat…
Nach gut zwei Stunden sind die Finger ausreichend verschrumpelt, und man zieht sich in Rekordgeschwindigkeit wieder an, um schnell ins warme Hauptgebäude zu kommen – und dort gibt es eine extrem leckere hausgemachte Kürbissuppe.
Angekommen in Pucon, gehen wir nochmal kurz in die Stadt, die von Outdoor-Läden und Tour-Veranstaltern dominiert ist. Wir würden gerne am nächsten Tag den Gipfel des Villarica besteigen – aber alle Veranstalter haben schon geschlossen. Wir sind aber nicht etwa zu spät. Vielmehr ist das ein untrügliches Zeichen, dass die Wettervorhersage für den nächsten Tag keine Besteigung zulässt….

01.12.2009 – Wir improvisieren schon wieder…
…denn dieser Tag startet wieder grau, kühl und regnerisch. Und obwohl Pucon weiter nördlich als Ensenada liegt, ist der Regen hier auch nicht wärmer…
Das „Notprogramm“ für den Vormittag heißt „Ojos des Caburgua“, eine Stelle, wo ein teilweise unterirdisch verlaufender Fluss wieder an die Oberfläche kommt. Ein ganz netter Park, mit viel Wald und ein paar Wasserfällen. Danach laufen wir noch ein paar Schritte am Ufer des Lago Caburgua entlang, aber bei dem Mistwetter ist der Höhepunkt eindeutig ein Kiosk, in dem es die wohl größten Empanadas in ganz Chile gibt – sowie ein ganz junges Kätzchen, das hier neugierig herumschleicht.
Am Nachmittag fahren wir dann per Bus bis nach Futrono am Lago Ranco. Unterwegs halten wir kurz in Villarica an. Ein gewisses heimatliches Flair kommt auf, wenn man dort im Café Rostock einen Berliner kauft….

02.12.2009 – Radtour um den Lago Ranco
Man wird ja mit der Zeit bescheiden, was Ansprüche an das Wetter betrifft. Heute morgen regnet es mal nicht, und die Wolken sind auch nicht so dunkelgrau wie an den letzten Tagen. Also können wir nach dem Frühstück das Programm laut Plan angehen und die Räder besteigen. Fredy ölt die Ketten – die haben es nach den vielen Regentagen ziemlich nötig. Während wir uns startklar machen, reißt der Himmel immer mehr auf, und kurz nachdem wir Futrono hinter uns gelassen haben, kommt sogar die Sonne raus. Über asphaltierte Straßen geht es zunächst mal 23 km bis Llifen, den Lago Ranco immer in Sichtweite. Das „Fahrerfeld“, das sich unterwegs doch ein wenig aufgefächert hat, sammelt sich dort wieder, um Proviant für die Mittagspause einzukaufen.
Kurz hinter Llifen hört der Asphalt auf, und neben dem Gerüttel haben wir auch die erste Bergwertung vor uns, die Marc souverän gewinnt. Der Berg lässt sich aber auch nach dem Motto „wer sein Fahrrad liebt, der schiebt“ bewältigen. Dem folgt eine steile Abfahrt (ein paar Verhaltenstipps für diejenigen, die zum ersten mal auf einem MTB sitzen, wären dafür durchaus angebracht gewesen). An Ende der Abfahrt werden wir neugierig von einer Kuh und einem Pferd nebst ganz jungem Fohlen bestaunt, die an oder sogar auf der Piste liegen. Noch ein paar Kilometer und wir treffen uns alle wieder an einem Aussichtspunkt auf einen Wasserfall und machen dort Mittagspause. Hanna hat sich in der Zwischenzeit in den Bus begeben, der als „Besenwagen“ hinter uns her fährt,. Sie hat von der letzten Reisegruppe ein paar besonders hartnäckige Viren behalten und ist daher nicht in Form.
Mittlerweile hat sich auch das Wetter wieder „normalisiert“ (d. h. es ist wieder bewölkt und kühl). Wir starten zur letzten Etappe für heute. Hanna meint, es kommen nur noch drei Steigungen, und dann geht es abwärts bis nach Lago Ranco hinein (nicht in den See, sondern den gleichnamigen Ort). Unter Naturwissenschaftlern ist nun der Wert der Zahl drei ziemlich klar umrissen – Hanna hat aber eine musikalische Ausbildung genossen, und so ist ihre Angabe mit einer gewissen künstlerischen Freiheit versehen… oder es ist ein guter psychologischer Trick, der einen die folgenden ca. 15 mehr oder weniger langen Steigungen einfacher durchfahren lässt…
Am höchsten Punkt liegt der Mirador Pitreno, an dem wir uns alle wieder sammeln und die rote Gesichtsfarbe abklingen lassen. Ab dort geht es nun endlich mal abwärts (meistens jedenfalls), und eine gute Stunde später haben wir alle unser Tagesziel mit dem Rad erreicht. Zum „Auftanken“ suchen wir einen Supermarkt auf – hier lacht einen Paulaner-Bier in sportlichen 1 L -Flaschen an… aber ein Sixpack Escudo tut es auch als Proviant – schließlich liegen noch 1,5 Stunden Busfahrt bis nach Entre Lagos vor uns.
Für den Abend schlägt uns Hanna noch vor, in eine nahe gelegene Therme zu fahren, bei der im Eintrittspreis auch noch ein Büffet und jede Menge Getränke (von Bier über Wein bis zu Cocktails) enthalten sind. Und obwohl sie uns telefonisch bei der Zentrale in Santiago angekündigt hat, scheitert der Besuch relativ kläglich bereits an der Pforte – geschlossene Gesellschaft, jemand hat das komplette Gelände gemietet… Durch die Scheiben von Bus und Pförtnerhaus kann man den Stummfilm beobachten, in dem Hannas Tiraden relativ gelassen am Pförtner abprallen.
Als zurück nach Entre Lagos und ein Restaurant finden. Nach einigem hin und her finden wir eines mit Blick über den Lago Puyehue. Wir müssen es zwar durch eine regelrechte Baustelle betreten, brauchen aber immerhin drinnen keinen Helm. Dafür aber Geduld, denn es sind nur der Besitzer und seine Frau da, und die lassen sich durch hungrige und durstige Kundschaft nicht wirklich beeindrucken. Immerhin sind unsere Getränke schon in Sichtweite bereit gestellt, als das Essen kommt…

03.12.2009 – Radtour um den Lago Llanquihue
Heute, am letzten Urlaubstag, will sich Petrus‘ chilenischer Kollege wohl nochmal mit uns versöhnen: ein stahlblauer, wolkenloser Himmel begrüßt uns, so dass wir unser Frühstück sogar im Freien einnehmen können. Danach besteigen wir den Bus und fahren bis Puerto Octay am Nordwestufer der Lago Llanquihue. Unterwegs gibt es immer wieder fantastische Ausblicke auf die schneebedeckten Gipfel der Vulkane Puyehue, Puntiagudo und zuletzt des Osorno (…es gibt ihn also doch noch)… was für eine „Skyline“. In der Ferne sieht man noch weitere Vulkane aufragen (bis zu 9 Gipfel auf einen Blick).
An einem Aussichtspunkt über Puerto Octay werden die Räder startklar gemacht. Ich ziehe es heute vor, mit Fredy im Bus die Nachhut zu bilden, denn „mein“ Fahrrad ist doch zu klein (wie mir am Vortag Knie und Rücken mitgeteilt haben). Bei dem Wetter macht es sicher auch Spaß, die Landschaft vom Bus aus zu genießen und genügend Gelegenheit zum Fotografieren zu bekommen. Wie zum Beispiel gleich auf der ersten Anhöhe eine Viehweide, die einem Zoo nahekommt: Ziegen, Esel, Pferde, Alpakas, Nandus, Schafe und Kühe grasen in friedlicher Eintracht nebeneinander.
Wir fahren weiter bis nach Frutillar. Die Uferpromenade ist herrlich bepflanzt mit allerlei Blumen, deren Blüten schön in der Sonne leuchten, und mit dem schneebedeckten Osorno am anderen Seeufer gibt es hier auch einen perfekten Bildhintergrund für die Fotos. Nach einem Kaffee und einem Stück Kuchen geht es weiter. Auch der Friedhof von Frutillar ist sehr pittoresk. Wie im Ort selbst, so zeigen sich auch hier an vielen Namen auf den Grabsteinen die Spuren vieler deutscher Aussiedler in dieser Gegend.
Fredy macht seine Sache mit dem Besenwagen sehr gut. Er hält immer genug Abstand zum Schluss des Fahrerfeldes, so dass man ihn dort nicht bemerkt und sich nicht „gehetzt“ fühlt. Dazu müssen wir zwar immer mal wieder stehen bleiben, aber das ist mir gerade recht, denn es gibt immer wieder schöne Ausblicke, die man einfach mal in Ruhe genießen kann, und sei es „nur“ der Wind, der über die Wiesen streicht und für schöne flatternde Muster auf dem Gras sorgt. Und immer wieder kommt der Osorno ins Bild, dessen Schneehaube in der Sonne fast blendet…
In Llanquihue treffen wir Gerd wieder, der die letzte gute halbe Stunde mitradelt. Er ermuntert mich, ebenfalls nochmal aufzusteigen, aber ich erzähle ihm, dass die Angabe der Körpergröße auf dem Buchungsformular nicht wirklich dazu geführt hat, dass passendes Material vorhanden ist. Außerdem sitzt Ivo mittlerweile auf „meinem“ Rad, da an seinem die Schaltung den Geist aufgegeben hat.
Fredy und ich fahren dann vor nach Puerto Varas, Wir logieren im Hotel „Solace“ – das ist zum Abschluss nochmal ein richtig moderner und luxuriöser Nobelschuppen – verglichen mit dem „Espana“ in Santiago müsste es gute 35 Sterne haben… Gerd verabschiedet sich von uns (und entschuldigt sich nochmal bei mir, dass das mit dem Fahrrad nicht besser funktioniert hat), und wir ziehen los zu einer letzten Shoppingtour und anschließendem Abendessen. Zum Abschluss gibt es nochmal „a lo pobre“, hier zum ersten mal in der Fischvariante – auch interessant. Auch die anderen Fischgerichte sehen alle sehr lecker aus. Sie sind vielleicht nicht ganz so reichhaltig… denn Christian bestellt sich nach seiner Fischplatte noch ein Dessert: ein Steak a lo pobre. O.k., zur Ehrenrettung des Restaurants muss man sagen, dass während des ganzen Urlaubs durchaus beeindruckende Nahrungsmengen in Christians Magen verschwunden sind…
In einer Kneipe am Hafen nutzen wir noch die Happy hour für zwei Absacker, bevor wir dann in die überaus bequemen Betten fallen.

04.12.2009 – Abreise
Das kurze Gastspiel der Sonne ist schon wieder beendet, aber warum soll der Himmel auch lachen, wenn wir nach einem so schönen Urlaub abreisen müssen? Wir fahren zum Flughafen von Puerto Montt und stehen am LAN-Schalter an. Hanna verhandelt fleißig mit dem Kollegen am Counter. Ein paar Minuten sowie Anrufe später steht fest, warum es nicht wirklich voran geht: wir stehen am falschen Schalter! Wir fliegen gar nicht mit LAN, sondern mit Sky Airlines bis Santiago. Gut, dass der Schalter direkt nebendran ist – schlecht, dass der Sky-Flieger 20 Minuten früher losgeht. Wir haben nun also noch genau 15 Minuten bis zum Abflug. Der Sky-Bedienstete ist aber offenbar Aventoura-Gruppen gewöhnt – so schnell, wie er 8 Boarding-Pässe produziert. Wer gerade nicht seinen Pass in Empfang nimmt, verabschiedet sich rasch von Hanna und Fredy und eilt in Richtung Sicherheitskontrolle. Auf dem Weg dahin sprintet uns noch ein Sky-Bediensteter nach und drückt mir noch die 8 „baggage tags“ in die Hand – was für ein Einsatz! Dank der sehr überschaubaren Größe des Flughafens von Puerto Montt schaffen wir unseren Flieger noch locker zwei Minuten vor der Zeit…
Mit Zwischenlandung in Valdivia geht es nach Santiago, und von dort aus dann wieder mit einem mehr als 12-stündigen Nachtflug nach Madrid, wo sich die Wege der Gruppe aufgrund verschiedener Anschluss-Ziele teilweise trennen…

Die Nordhalbkugel, Europa, der Winter haben uns wieder. Drei ereignisreiche Wochen sind zu Ende. Wir haben wahnsinnig viel gesehen und erlebt, haben manchmal gelitten und oft gelacht, eine Menge freundlicher und netter Menschen kennen gelernt, und das alles in einem Land, das sicherlich zu den schönsten Enden der Welt zählt.
Von Friedrich Hebbel stammt der Ausspruch: „Eine Reise ist wie ein Trunk aus der Quelle des Lebens.“ Ich denke, wir haben mehr als einen kräftigen Schluck genossen…

2 Gedanken zu „Chile – spektakulär

  1. Karin

    Wirklich toller Bericht Heiko!

    Vieles hab ich wieder erkannt, anderes dagegen ist mir völlig unbekannt!

    Da sieht man mal, wie schnell dieses Land sämtliche Pläne über den Haufen wirft um dann letzten Endes meist mit noch besseren aufzuwarten. Und es zeigt mir auch, das die Reisezeit völlig überbewertet wird. Du hattest ja im Torres del Paine Schnee, wo ich gut einen Monat später Sonne hatte, aber dafür war bei mir dann die Seenregion ein einziges Regental, wohingegen Du noch die Chance hattest, ein paar wirlich tolle Fotos in der Sonne zu schießen.

    Ich kann nur hoffen, das dieser Reisebericht noch viele andere zu einer Tour nach Chile motiviert! Das Land ist echt ein Traum!

    Danke für die viele Arbeit zu einem wirklich lustigen und informativen Bericht!

    Karin

  2. Gabriela D.

    Kompliment an den Berichterstatter! Urkomische Situationen (in orthographischer Richtigkeit – wie angenehm zu lesen, danke ;o)) erzählt und auch die geographische Schönheit dieses Landes sehr bildhaft beschrieben. Vor vielen Jahren habe ich in Santiago gelebt und mit „europäischen“ Freunden oftmals diese oben geschilderte „Wildnis“ mit Rucksack (teils zu FuSs) wochenlang und manchmal unter den widrigsten Umständen bereist und lieben gelernt.

    Allerdings kann ich die von Aventoura geplante Route nicht ganz nachvollziehen; weshalb die Tour hier mit der Besichtigung der Torres del Paine beginnt, scheint mir nicht ganz einleuchtend! Diese sind doch ein absolutes Highlight, was an sich die Gefahr birgt, einige darauffolgende Landschaftskulissen (zugegeben, nicht unbedingt weniger faszinierend…) zu überschatten.

    Dem Autor empfehle ich im übrigen, sich auch die Atacama-Wüste und den Salar de Oyuni nebst morgendlichem Baden in den von Geysiren gespeisten Wasserquellen in atemberaubender Landschaft „anzutun“, dort „erfährt“ man sehr viel von dieser „seelenheilenden Ruhe“, die hier gelegendlich beschrieben wird.
    Vielen Dank für diesen tollen Bericht. Saludos, Gabriela

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