6. Oktober 2007

Im Papamobil durch den Olivenhain – Ein korfiotischer Traum (1. – 15. September 2007)

Reisebericht von Ulf Bongers (ulf.bongers at web.de)
Fotos von Christina Steens, Gaby Frank, Ilka Zencker, Isabell Wozny und Isolde Groß
FROSCH Reiseziel Sportclub Korfu, Griechenland

Prolog
September – meine traditionelle Frosch-Reisezeit. Der Gruppenzwang führte mich erneut nach Korfu, wohin es mich zwei Jahre zuvor schon einmal verschlagen hatte, damals ins Dionysos. Da es mir ausnehmend gut gefallen hatte, beugte ich mich dem Zwang gerne, dieses Mal lenkte die Schicksalsgöttin Tyche meine Schritte allerdings ins Kantas.

Die Studios Kantas
Direkt neben dem Hotel San Georgio und von der Frühstücksterrasse durch einen schmalen Durchlass in der Hecke sehr schnell zu erreichen, lag das Kantas. Umgeben von einer gepflegten Rasenfläche konnte das Areal zwar kaum mit dem benachbarten Hotelgarten mithalten, bot aber mit den im Vordergarten postierten Liegen – von denen man Meerblick hatte – eine akzeptable Alternative zum mitunter voll belegten Poolbereich.

Korfu

Nach der ersten Inspektion des Zimmers war ich positiv überrascht – meine Erwartungshaltung war nach der zurückhaltenden Prospekt-Beschreibung entsprechend niedrig. Doch die sauber und freundlich wirkenden Zimmer konnten mit einer komplett eingerichteten Küche punkten und sogar ein Mückennetz war akkurat in der Mitte über den Betten angebracht. Dafür hätte der doch etwas knapp geratene Einbauschrank bei Doppelbelegung vermutlich Anlass für Konflikte gegeben. Die Nasszelle war kompakt, aber ausreichend. Der Duschkopf stellte sich als ein eigenwilliges Biest heraus und sprühte dahin, wo es ihm gerade am besten passte, aber das war es dann auch schon, mit der Kritik. Nein halt. Drei, vier mal gab es nur kaltes Wasser – gerade morgens eine Folter für den passionierten Warmduscher – aber auch das habe ich vermutlich ohne sichtbare Schäden überstanden.

Im Papamobil durch den Olivenhain
Korfu Ein nicht unbedeutender pekuniärer Vorteil der Frosch-Wanderungen auf Korfu ist der, dass nur wenige einen Transfer benötigen. Der Standort ist landseitig umgeben von Olivenhainen in denen es sich per se ganz entspannt Lustwandeln ließe. Ein wenig Skepsis war also schon angebracht, als es bereits am Schnuppertag hieß, dass sowohl die Schnupper-Biketour, als auch die Schnupperwanderung aufgrund eines Bremsen-Problems verkürzt werden sollte. Ein Bremsen-Problem kannte ich bisher eher vom Biken, aber schnell wurde klar, dass es sich dabei um diese fiesen, aggressiven Nervtöter handelte, die einem auch hierzulande das spätsommerliche Picknick auf der Kuhwiese gründlich vermiesen können.

Somit kam ich gerne den Empfehlungen nach und erstand für die nächste Wanderung in einem der zahlreichen Supermärkte vor Ort ein Körper-Spray zur unblutigen Abwehr von geflügeltem Geschmeiß jeglicher Art. Wer bestellt schon heimischen Sauerbraten in Griechenland und so ließ ich Autan links liegen und entschied mich für ein lokales Produkt, dessen Beschreibung ganz manierlich ins Englische übersetzt war und so den Eindruck erwecken konnte, die ein oder andere klinische Studie überstanden zu haben. Und was soll ich sagen – es wirkte. Es war nicht ganz der erhoffte Axe-Effekt – Bom Chicka Wah Wah – aber die herrlich frische zitronige Note dieses Meister-Proper-Derivats eröffnete doch die ein oder andere Gesprächsbasis und war somit Sozialkontakten nicht abträglich. Ach, und die Bremsen, die schienen relativ unbeeindruckt und zogen fleißig ihre Bahnen um Kopf und Torso und viele davon schreckten zunächst auch vor intimerem Körperkontakt nicht zurück. Nur Stechen wollte mich keine. Jeder von uns kennt die naturgegebene Hemmung, in eine Zitrone zu beißen. Oder in einen Badreiniger.

Auf einer späteren Wanderung wurde das kollektive Palm-Wedeln als sekundär durchblutungsfördernde Maßnahme gegen die Übermacht der Bremsen propagiert. Kurz vor Betreten des Olivenhains wurde demnach auf Kommando ein ahnungsloses Maisfeld geplündert und die gesamte bußfertige Flagellantenschar mit natürlich gewachsenen Devotionalien ausgestattet. Der weitere Verlauf der Wanderung ähnelte dann zum Verwechseln einer Selbstgeißelungs-Prozession, an deren Ende wir von allen Sünden gereinigt waren. Sündenfrei genug, um uns für die nächste Wanderung einen besonderen Transfer durch den Olivenhain zu wünschen: im vollverglasten Papamobil, während diese elenden Mistviecher trommelnd gegen die Scheiben prasseln.

Ringelpietz auf dem Olymp
Ein besonderes Schmankerl, welches mich – einmal angefixt – immer häufiger aus dem Bike-Sattel in die Arme der Wanderer und Ausflügler trieb, war der bei diesen Gelegenheiten von einigen Teamern vorgetragene Exkurs in griechischer Mythologie.

Korfu

KorfuDie vermutlich von schwäbischen Emigranten Mitte des 19. Jahrhunderts aus dem Altgriechischen übersetzten Anekdoten, wurden dereinst offensichtlich für die Vertretungsstunden von Drittklässlern konzipiert. Die ein oder andere extravagante Formulierungen vermochte es somit, ein seliges Lächeln auf die Lippen der gebannten Zuhörerschaft zu zaubern. Nichtsdestotrotz lernten wir einiges über mythologische Figuren – von Argus über Echo bis Narziss – von denen ich bisher allenfalls aus Sprichwörtern wusste. Vielleicht waren diese Darbietungen nicht immer ganz perfekt vorgetragen, dafür aber super sympathisch. Und wenn ich die Wahl habe zwischen Perfektion und Sympathie, wähle ich Letztere. Und noch was wurde mir im Laufe des Urlaubs immer deutlicher – Zeus war ein ganz schlimmer Finger. Aber wenn er es sich nicht leisten konnte, wer dann?

Die einarmige Halse
Um seiner Passion nachgehen zu können, erwartete den geneigten Wassersportler – sowie den kontaktfreudigen Sozial-Beacher – eine etwa fünfzehnminütige Strandwanderung zur Surfstation. Belohnt wurde man mit einer annehmbar ausgestatteten Wassersportbaracke, chilliger Musik und der Möglichkeit, für ne schmale Mark für den Rest des Urlaubs Surfmaterial auszuleihen – sofern Schein vorhanden. Primär ein Zehn-Euro-Schein, sekundär der Surf-Grundschein.

Korfu

Auch ein paar der gängigen Klischees fand der interessierte Beobachter dort bestätigt, oder habt Ihr schon mal einen untersetzten, buckligen Surf-Lehrer mit fettigem Haar gesehen? In diesem Fall schien besonders ein Exemplar der genannten Gattung die weiblichen Gemüter zu beschäftigen – ich will ihn mal Lucky Luke nennen. Denn als er schneller als sein Schatten in einem Affenzahn auf dem Brett über die Schaumkronen hoppelte und während der einarmigen Halse die nächste Zigarette mit einer an Verachtung grenzenden Beiläufigkeit am Zippo entzündete, war seine Identität aufgeflogen. Seine dem Vernehmen nach stahlblauen Augen trugen weiterhin erheblich dazu bei, dass die versammelte entrückte Weiblichkeit kurzerhand alle übrigen tagespolitischen Themen von der Agenda strich. Mir, als Teil der geschmähten männlichen Restminderheit, blieb nur der eine Trost: er vermochte noch nicht über den Strand zu surfen. Aber selbst das schien nur eine Frage des Wollens und der Materialschonung.

Zwischen den Tagen
Was tun während der Party-Pausen? Diese Frage stellte sich uns gegen Ende der zweiten Woche, nachdem nicht weniger als fünf durchaus gelungene Tanzveranstaltungen in der Mango-Bar ins Land gegangen waren. Aber da war halt dieser Donnerstag zwischen der Flower-Power-Party am Mittwoch und der Farewell-Party am Freitag und man wollte ja nicht aus der Übung kommen. Also tauchten wir nach dem Abendessen ein in das verruchte Nachtleben von Agios Georgios.

Korfu

Für Nachtschwärmer mit Orientierungsproblemen ist Agios Georgios das ideale Pflaster – ich fühlte mich pudelwohl. Bin zwar im richtigen Leben kein ausgeprägter Nachtschwärmer, aber orientierungslos. Man schlendert also die Küstenstraße Richtung Süden entlang und entscheidet sich für die eine oder andere Bar, welche – je nach Gusto – ein bis drei überdimensionale Bildschirme aufweist, von denen im Normalfall jeder ein anderes Spiel der englischen Premier League zeigt. Und am Ende landet man sowieso im La Perla zum Chillen – ein wirklich außergewöhnlich gemütliches Fleckchen, inklusive Hängematten und Lagerfeuer. Allein die Preise dort führen schon zu einer dem Chillen nicht unähnlichen Schock-Starre. An diesem Abend jedenfalls entschieden wir uns nach kurzem Zaudern für eine Bar, auf deren Bildschirm kein Sport zu sehen war, sondern sich rhythmisch abwechselnde Textzeilen. Bingo – eine Karaoke-Bar. Ausschlaggebend war allerdings nicht der Bildschirm, sondern eine wesentlich plastischere Erscheinung: wie Rumpelstilzchen auf Speed turnte ein abgemagerter Ozzy-Osbourne-Klon kreuz und quer durch die Lokalität. Paralysiert durch eine fatale Mischung aus Faszination und Hilflosigkeit waren wir willenlose Opfer und ließen uns ohne Gegenwehr einsaugen. An einem der vielen Tische – die wenigsten waren besetzt – kamen wir langsam wieder zu uns. Ein Blick durch die Kulissen ergab, dass es noch etwa zwei Pärchen und ein Familienclan inklusive Kleinkind bis hier her geschafft hatten, offensichtlich ausnahmslos Engländer. Jedenfalls schienen alle mit den Regeln eines solchen Etablissements vertraut und sich auch wohl zu fühlen.

Ozzy fegte unterdessen mit unvermindertem Elan weiter durch die Bestuhlung und gab hin und wieder Salven kehliger Grunzlaute von sich. Unsere Bestürzung wuchs, als uns klar wurde, dass er offensichtlich das Funkmikro verschluckt hatte. Die Lage entspannte sich jedoch schlagartig, als er – vermutlich therapeutisch motiviert – plötzlich vor dem Monitor zur Ruhe kam und einigermaßen vernehmlich einen Elvis-Presley-Klassiker intonierte. Daraufhin sahen wir von einem schon in allen Details geplanten Luftröhrenschnitt ab. Das gab dem Abend eine versöhnliche Note und wir konnten entspannt und hoffnungsfroh der abschließenden Farewell-Party entgegen sehen.

Epilog
Die vorliegenden Schilderungen erheben keinerlei Anspruch auf Objektivität. Auf Vollständigkeit sowieso nicht. Alle genannten Widrigkeiten waren in der Tat Dinge, mit denen sich der primär Erholungssuchende schnell arrangieren konnte. Es sei denn, man bezieht eine tiefe innere Befriedigung daraus, sich im Urlaub mit Unbill abendfüllend auseinanderzusetzen. Vielleicht aus einer anderen Art der Motivation, entnommen der klassischen griechischen Tragödie: der Urlaubs-Katharsis. Läuterung vom Alltag durch das intensive Durchleben von Schaudern und Jammer am Urlaubsort. Alle anderen – so denke ich – haben sich ganz prächtig amüsiert, so schließlich auch ich. Und somit überwiegen auch dieses Mal – trotz der die Grenzen der Organisierbarkeit sprengenden Gruppengröße – die positiven Erinnerungen. Und um einen weiteren persönlichen Aspekt hinzuzufügen: ganz nebenbei wurde mein Eintritt in die nächste Lebensdekade von meinen geliebten ‚Sundownern’ perfekt in Szene gesetzt und damit mehr als erträglich gemacht. Er wird mir lange in angenehmer Erinnerung bleiben. Fazit: es gibt Schlimmeres.

Korfu

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