19. November 2007

Pura Vida oder „Was ist los ist in Costa Rica“

Tagebuch einer Abenteuerreise
von Susanne Schwarzbürger
(susanne.schwarzbuerger at t-online.de)
FROSCH Reiseziel Costa Rica aktiv

Plötzlich herrscht Stille im Bus. Alle halten die Luft an. Der ein oder andere sendet innerlich den Stoßseufzer gen Himmel, nach dem dieser Brückentyp im Volksmund benannt wird: „Oh-Gott-Brücke“, hatte Reiseleiter Ivork erklärt. Doch Busfahrer Fabio setzt unser Gefährt samt Inhalt vorsichtig auf die andere Seite. Nochmal gut gegangen. Einer der mit Lehm und Steinen verputzten Baumstämme, aus denen die Brücke besteht, hätte unter dem Gewicht auch wegbrechen können. Das wäre nichts Außergewöhnliches, jetzt, in der Regenzeit, wo das Holz schnell morsch wird.
Wie gefährlich diese Situation im Vergleich zu einigen anderen im Laufe des 16-tägigen Frosch- bzw. Aventoura-Aktivurlaubs erlebten (und weitgehend heil überstandenen) war, ist für uns nicht wirklich abschätzbar. Immerhin gab es gegen Ende unserer Reise in Costa Rica 18 Tote, tausende Verletzte und ihres Wohnraums Beraubte aufgrund von heftigen Überschwemmungen mit Erdrutschen nach tagelangen Regenfällen. Der Notstand wurde an unserem Abreisetag ausgerufen, und Ivork sorgte sich sichtlich um die Einhaltung des Reiseplans mit der nach uns folgenden Gruppe. Vor allem wegen der „Oh-Gott-Brücken“. Doch vielleicht lieber der Reihe nach:

3.10.07 – 1. Tag
Das Abenteuer beginnt für vier von 15 Gruppenreisenden (zwischen 29 und 70 Jahren) bereits auf dem Stuttgarter Flughafen: der KLM-Flug nach Amsterdam wird kurzfristig annulliert; kaum jemand, der auf die Maschine gebucht war, möchte einfach nur nach Amsterdam. Ein kleines Chaos bricht aus, wer kommt wie weiter? Einziger Vorteil der Situation: Katja, Stefan, Albrecht und ich finden uns schnell im Gewühl und heraus, dass wir zusammen gehören. Das macht die Lage erträglich und dank des sich gruppendynamisch entwickelnden schwarzen Humors sogar geradezu lustig. Wir kommen an dem Tag aber trotz vieler Diskussionen mit diversem Flughafenpersonal nur bis nach Amsterdam und dürfen dort vom Hotel aus telefonieren, um Tierra Verde/Aventoura in Costa Rica und Freiburg zu verständigen.

Costa Rica

4.10.07 – 2. Tag
Während unsere Reisegenossen sich schon die besten Plätze im Mikrobus aussuchen dürfen, um damit durch den Nationalpark Braulio Carillo von San José nach Puerto Viejo de Sarapiquí zu fahren, müssen wir wieder zum Flieger. Die anderen schauen sich bei schwüler Hitze den archäologischen Park Alma Ata an, uns bleibt immerhin ein kurzer Bummel durchs kühle Amsterdam. Und dann verlieren wir in Orlando beinahe noch Katja. In den USA geboren, aber nur mit einem deutschen Reisepass ausgestattet – das ist ein Problem. Man führt sie ab. Kurzfristig lachen wir nicht mehr. Doch gerade noch rechtzeitig taucht sie wieder auf.
In San José werden wir abgeholt und gleich noch drei Stunden lang nach Sarapiquí gefahren. (Das Reiseprogramm, wie es im Katalog steht, wurde nämlich ein bisschen verdreht, da Martinair den Dienstagsflug Amsterdam-San José gestrichen hatte und der Trip daher schon im Vorfeld um einen Tag verschoben werden musste).
Im Hotel El Bambú ist alles dunkel, der ganze Ort wirkt wie tot. Von außen eine Enttäuschung, ist die Überraschung anderntags umso größer, umgeben von Urwald zu sein. Nachts konnte man das nur erahnen: Die ungewohnte Geräuschkulisse – Glucksen und Gluckern, Vogelschnattern, Zirpen und Pochen – gepaart mit der schwülen Wärme verhindert das Durchschlafen.

5.10.07 – 3. Tag
Der Tag der Frösche und Schmetterlinge: bei der Dschungelwanderung mit Ivork und Hilfsführer Roberto – beide mit dicken Knüppeln zum Schlangen vertreiben ausgestattet – entdecken wir mittelgroße platte Silberfrösche, farblich angepasste Laubfrösche und winzig kleine, sehr hübsche Jeansfrösche (die roten mit den blauen Beinen). Eine riesige Stabheuschrecke, ein kleiner Leguan und eine mittelgroße Giftschlange, Libellen und immer wieder Schmetterlinge wollen bewundert werden. Vor allem der große blaue Morfo, der von außen so unscheinbar wirkt. Brüllaffen brüllen weit oben in den Urwaldriesen.
„Kinder in Costa Rica lernen als erstes Schwimmen, Radfahren und Reiten“, erklärt uns unser Pferde-Guide am Nachmittag. „Denn das brauchen sie hier“. Schwimmen, um zu überleben und den Umgang mit Rad und Pferd, um sich fortbewegen zu können. Sein junger Neffe reitet auch mit; er ist angeblich erst zum zweiten Mal dabei, geht aber selbstbewusst mit seinem Tier um. Geritten wird in Westernmanier: mit Westernsätteln, breiten Steigbügeln und nur einem Strick in der Hand als Zügel. In einer Hand, wohlgemerkt. Die Pferde haben keine Trense im Maul, nur den Strick um die Schnauze gelegt. Und das funktioniert. Unser Guide öffnet und schließt wendig große Gatter ohne abzusteigen, ein richtiger Cowboy.
Bald ziehen Regenwolken auf. Wir zwei Reiterinnen treffen die vier wieder, die zum Rafting waren (und strahlend wiederkommen) und sammeln anschließend mit dem Bus die Restgruppe auf, die sich derweil auf einer Kakaoplantage über alles Wissenswerte rund um Anbau und Weiterverwertung dieser Pflanze informiert hat. Solche Plantagen gibt es in Costa Rica fast nur noch zu touristischen Zwecken. Denn seit vielen Jahren plagen sich die Costaricaner mit einem Schädling ab und können keinen Kakao mehr in ausreichenden Mengen produzieren. Für Touristen wird hier, auf der Hacienda Pozo Azul, auch Vanille angepflanzt.

Costa Rica

6.10.07 – 4. Tag
Piña morgens, mittags und abends. Als Saft, als Shake mit Wasser (en agua) oder Milch (en leche), im Essen, roh oder gebraten. Costa Rica, das Land der Ananasbarone. Wer glaubte, die Tropenfrucht wüchse auf Bäumen, muss spätestens heute seine Meinung revidieren: Ananas-felder so weit das Auge reicht auf der Fahrt Richtung Boca Tapada. Und immer mal wieder eine schmale Brücke über ein reißendes Flüsslein, oh Gott. Doch erstmal besuchen wir noch den Schmetterlingsgarten von Pozo Azul. Dort flattern sie uns um die Ohren, landen teilweise auf silbrigen Haaren und weißen Oberarmen: Falter aller Größen und Farben. Ein frisch aus der Larve geschlüpfter Morpho hält still und posiert auf der Hand fürs Foto.
Irgendwo am Tres-Amigos-Fluss steigen wir bei brütender Hitze vom Bus in Kanus um und flussabwärts geht die Fahrt. Leider ist die Strömung nicht so stark, dass man nicht noch kräftig paddeln müsste. Kurz nach der Einmündung des Tres Amigos in den Río San Carlos, Grenzfluss zu Nicaragua, steuern wir das Ufer an. Es gibt mal wieder was zu lachen, als Stefan beim Ausstieg bis zu den Knien im Schlamm stecken bleibt und ohne Hilfe nicht mehr heraus kommt…
Mit leckeren, Schinken, Käse, Tomaten, Gurken…, gefüllten Tortillafladen und – natürlich – Ananassaft gestärkt, geht es weiter. Kurz vor Schluss darf nochmals gelacht werden, als ein Kanu kentert. Bald sind wir alle aber genauso nass wie dessen Insassen, da noch vor der Landung heftiger Gewitterregen einsetzt. Aber nur die beiden Verunglückten haben zu dem Spott und der Nässe noch den Schaden in Form von verlorenen Sonnenbrillen und Flipflops zu beklagen.
Mit der Laguna Lagarto Lodge erwartet uns null Komfort, dafür aber eine nicht zu überbietende location mitten im Dschungel. Fabio bietet sich an, uns nach dem Abendessen noch „eben“ nach Boca Tapada in die Karaokebar zu fahren. Es stellt sich heraus: die Fahrt dauert über eine halbe Stunde. Einfach. Aber der Spaß lohnt sich für die sieben, die das Angebot annehmen. Zwar ist das Café wegen einer Veranstaltung in der Nähe äußerst schwach besucht, dafür singen die anwesenden Einheimischen umso schöner, trauen wir uns, uns enthemmt der Lächerlichkeit preiszugeben und erhalten gratis schweißtreibende Salsastunden von Jorge, den wir dort kennenlernen.

7.10.07 – 5. Tag
Dschungelleben die Zweite: Vorbeiziehende Aras spielen Wecker. Zahlreiche farbenfrohe Vögel kommen, um sich an den für sie aufgehängten Bananen gütlich zu tun. Von der Frühstücksterrasse aus bestaunen wir auf noch nüchternen Magen ihre Schönheit. Tukane und Kolibris kommen auch.
Für die heutige Wanderung stehen in der Lodge Gummistiefel für alle bereit. Bald sehen wir warum, auch wenn Ivork betont, dass die Wege heute in absolut gutem Zustand seien. Wir beobachten Klammeraffen, sehen einen Camouflage-Frosch (den grün-schwarzen), riesige Spinnen, hohe Bäumen mit Riesenwurzeln und Affenschaukeln. Doch die spannendste Show des Tages erwartet uns zurück an der Lodge: mindestens eine Stunde lang werden wir Zeuge, wie eine relativ kleine Giftschlange eine große Fledermaus verspeist.
Nach dem Essen besucht uns ein Nasenbär. Der versucht abzuräumen, was die Vögel morgens übrig gelassen haben. Dann ist lazy sunday afternoon in Hängematten und auf Schaukelstühlen bei mal wieder pünktlich einsetzendem Gewitterregen angesagt. Nach dem Abendessen ist abermals Showtime, diesmal mit Henry und geplant: Der stets gut gelaunte Lodge-Angestellte pfeift für uns Josefine, Mama Hässlich, Kleiner Dicker, Hund und andere zusammen und wirft ihnen Fleischbrocken vor. Im Schein unserer Taschenlampen schauen wir zu, wie die Kaimane langsam aus dem Wasser kriechen und sich ihr Futter holen. Josefine lässt sich sogar den Schwanz tätscheln.
Anschließend holt Henry nochmal seine Rotaugenlaubfrösche aus dem Terrarium, die genauso auf Hildegards Gesicht abfahren (und springen), wie in Pozo Azul die Schmetterlinge auf ihre Haare.

Costa Rica

8.10.07 – 6. Tag
„Wenn da eine Schlange war, dann ist sie jetzt bestimmt schon wieder weg.“ Recht gelassen nimmt der Nachtwächter der Albergue la Catarata in Fortuna die Nachricht auf. Setzt sich dann aber doch – ganz langsam – in Bewegung, um sich die beschriebene Stelle vor unserem Bus mal näher anzuschauen. Mit Taschenlampe, denn es ist stockfinster. Und auf einmal wird er ganz schnell, ruft: „Die ist gefährlich, die muss man töten“, greift zu einem Knüppel und erschlägt das Reptil. Anscheinend hatten wir Glück; arglos hatten wir sie uns nach dem Aussteigen minutenlang im Scheinwerferlicht angeschaut. „Wenn die zuschnappt, kann man gleich bei San Pedro (dem heiligen Petrus) vorsprechen“, meint der Totschläger zu Ivork.
Auf dem Rückweg vom Arenal-Vulkan hatten wir bereits eine hochgiftige Schlange fotografiert. Die kleine quietschgelbe Eyelash-Viper ruhte sich an einem Mauerpfosten aus und war Fabio aufgefallen. Ansonsten haben wir einen Großteil des Tages im Bus verbracht – die Fahrt von Boca Tapada nach Fortuna zieht sich. Auf der Strecke wurde eine Schule besucht und mit Leguanen zu Mittag gegessen. Es gab Gelegenheit zum touristischen Shoppen in Fortuna – eine merkwürdig Mischung zwischen Western- und Touristenstadt – und eine kleine, nette Wanderung über den Silencio-Trail, immer mit Blick auf den aktiven Arenal.
Nach dem spätabendlichen Schlangenschreck schaltete der Nachtwächter noch zuvorkommend die Lichter am Pool ein. Ausnahmsweise regnet es nicht, da suchen wir Abkühlung beim nächtlichen Plantschen.

9.10.07 – 7. Tag
Um vier Uhr morgens hört man Hahnenschreie und Hundegebell statt krächzender Aras. Der „richtige“ Dschungel ist weit weg. Nach dem leckeren Frühstück mit Früchten, frischen Säften, pancakes mit Sirup, Reis mit Bohnen und Rühreiern starten wir den schweißtreibenden Aufstieg zum Wasserfall, dem Catarata Río Fortuna. Wenngleich auf halbem Weg wieder Regen einsetzt, genießen wir am Ziel nicht nur die Aussicht, sondern auch ein erfrischendes Bad. Auf dem Rückweg verzichten wir auf Regenjacken: lieber regen- als schweißnass!
Heute wird es nachmittags schön. Gerade rechtzeitig für eine neu entdeckte abenteuerliche Leidenschaft: Canopy. Die acht, die über Hängebrücken wandern, haben sich definitiv die langweiligere Aktion ausgesucht. Wir sieben amüsieren uns bei unserer Unterweisung in die Kunst des Tarzanspielens mit dem süßen Guide Antonio, tanzen mit den Brüllaffen auf dem Seil und juchzen vor Vergnügen, wenn’s mal schneller wird. Manchmal kreischen wir aber auch vor Angst, wenn wir glauben, nicht rechtzeitig stoppen zu können. Beim Canopy Los Cañones im Preis inbegriffen ist der Besuch der so genannten heißen Quellen: einer Poolanlage mit einem Becken, dessen Wasser circa 37 Grad warm ist. Nachdem wir uns an den verschiedenen superschnellen Rutschen ausgetobt haben, schlürfen wir an der wet-bar leckere Cocktails. Dabei sitzen wir auf Barhockern unter der Wasserlinie.

10.10.07 – 8. Tag
Absolut phantastisches Radwetter herrscht beim Besteigen der Mountainbikes am Arenalsee. Einige Kurven weiter überfallen uns Paparazzi von Aventoura mit Kameraklicken: sie foto-grafieren für den nächsten Katalog. Bei herrlichem Sonnenschein genießen wir ein Früchte-Picknick am See und immer wieder wunderschöne Aussichten auf das gegenüberliegende Ufer und den Vulkan. Bei einem im Schweizer Stil gebauten Hotel legen wir eine Pinkelpause ein. Da hat es leider schon wieder zu regnen begonnen. Glücklicherweise ahnen wir nicht, dass es so bald nicht mehr aufhören wird. Immerhin verzichten wir deswegen auf das angebotene Bad im See und schlagen uns lieber beim deutschen Bäcker den Bauch mit Apfelstrudel und Käsekuchen voll. Unser Bike-Guide Emanuel lernt heute auch dazu: Wiener Würstchen muss man nicht pellen!
Der Regen strömt, der Drei-Kilometer-Aufstieg über die Piste hinauf zur Eco-Lodge Lake Coter ist steil, die meisten verzichten, geben ihr Bike ab und setzen sich entweder in den Bus oder nehmen Schusters Rappen. Die, die fahren, fluchen.
Mit Sicherheit wäre die Aussicht von den phantastischen Zimmern hinunter auf den See ebenso phantastisch. Leider bekommen wir sie nicht zu Gesicht. Nicht heute und nicht morgen. Dieses Regenwetter soll nun eine Woche später im Ausrufen des Notstandes münden. – Da hilft nur der Kaffee auf der überdachten Zimmerterrasse zum Aufwärmen (Maschinen sind in den Zimmern vorhanden) und schließlich das Starkbier an der Hotelbar zum Verdrängen.

Costa Rica
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11.10.07 – 9. Tag
Der Blick nach draußen bringt keine neue Aussicht. Heftige Regengüsse die ganze Nacht. Wir sind auf Nebelwaldhöhe. Keiner will den Berg mit dem Rad runter. Also bestellt Ivork unser Essen bei dem Frauenprojekt kurzerhand um und Fabio fährt uns mit dem Bus. Kurze Reue unten auf der Straße: hier ist das Wetter kurzfristig besser, die Sonne lässt sich eine Zeitlang blicken. Doch nochmal umbuchen ist jetzt nicht drin.
Die Frauen empfangen uns mit leckerem Essen – das konventionell gekocht wurde. Für die Solarkocher – ein Ausstellungsobjekt stammt übrigens aus Altötting – muss halt die Sonne scheinen. Wir setzen durch, ab Nicoya bis zu unserem Ziel an der Pazifikküste, Sámara, zu radeln. Abweichend vom Plan. (Nur Mark und Lisa fahren beinhart, begleitet von Emanuel, gleich ab dem Frauenprojekt über die Schlammpiste los). Allerdings wissen wir jetzt, warum der Reiseplan diese Variante eigentlich nicht vorgibt. (Wer vor Ankunft in Sámara aber nochmal lachen möchte, besuche kurz die barocke Kirche in Nicoya und studiere die reizvoll ins Deutsche übersetzte Inschrift an den Taufbecken links vom Eingang): Die Strecke geht keine 100 Meter lang geradeaus, sie verläuft entweder aufwärts oder abwärts. Bei strömendem, prasselndem, gießendem Dauerregen. Mit Schlaglöchern. Bergauf ist einfach nur anstrengend – zumal, wenn man befürchten muss, dass die Kette beim Runterschalten abspringt, so dass man lieber einen etwas höheren Gang benutzt – bergab hingegen schlichtweg Sch… Wer schon mal ein schutzblechloses Mountainbike gefahren ist, weiß, was ich meine. Die von Ivork versprochene kilometerlange Abfahrt existiert nicht. Die letzten zwei Kilometer ist es schon stockfinster. Niemand kann glauben, dass wir satte drei Stunden für die 36 Kilometerstrecke unterwegs waren.
Im Hotel Belvedere fallen wir samt Klamotten gleich in den Pool. Nasser geht eh nicht mehr. Und auch kaum erschöpfter. Beim Essen in einem nahe gelegenen Lokal müssen die außen Sitzenden Schirme aufspannen, um von hinten nicht wieder nass zu werden.

Costa Rica

12.10.07 – 10. Tag
Muss der Typ, der den Pool absaugt, so einen Krach machen? Oh, er ist schon fertig, doch der laute, schnorchelnde Lärm hält an. Da dämmert es: Brüllaffen fungieren hier als Wecker. Dabei müssten wir endlich einmal nicht früh aufstehen. Es regnet sowieso. Nur die halbe Gruppe rafft sich auf, mit Ivork radzufahren. Wir andern hängen ab. Bummeln am Strand. Baden im lauwarmen Pazifik. Essen und trinken in einer kleinen Strandbar, besuchen das Internetcafé…
Nach dem Abendessen beim Italiener besuchen wir die „Kieferbar“ (Ivorks Deutsch ist leider manchmal etwas missverständlich, dafür weiß er aber über alles „was ist los ist in Costa Rica“ gut Bescheid). Hier gibt es andere gestrandete Touris, Surfer, die Dorfjugend, eine Tischtennisplatte, einen abgenutzten Tischkicker, ein Billardtisch und Dartsscheiben. Und gute Cocktails. Genug, um uns diesen und die nächsten beiden Abende zu amüsieren.

13.10.07 – 11. Tag
Es regnet nur selten und verhalten, da kann man nicht klagen. Also raffen sich jetzt vornehmlich die auf, die gestern ausgeruht haben, und machen sich heute auf die Radtour an die Playa Carillo. Diesmal hat Ivork nicht gelogen: es ist tatsächlich nur ein nennenswerter Berg auf den schnell zu bewältigenden acht Kilometern zu nehmen; schön ist es hier; am Palmen umsäumten, ewig langen und leeren Strand ist endlich ein längeres Sonnenbad möglich; hübsche Muscheln und Steine zieren den Sand. Als stärkerer Regen einsetzt, gehen wir einfach ins Wasser und springen Wellen – wunderbar!
Die im Programm angekündigte Radtour an die Playa Barrigona muss dennoch ausfallen, ebenso der Besuch eines Schildkrötenstrandes. Wegen der Regenfälle sind die Flüsse derart über die Ufer getreten, dass sie zum Teil nicht mehr überquert werden können. Dazu gehört einer auf dem Weg zu diesen beiden Zielen. .
Zurück in Sámara kommen die Brüllaffen gerade zu dem Baum neben der Rezeption und lassen sich zum ersten Mal aus nächster Nähe fotografieren. Das ist natürlich interessanter als die Diskussion mit dem deutschen Hotelier (Manfred aus Marbach am Neckar) über die politische und wirtschaftliche Lage Costa Ricas, die durch das Affenspektakel unterbrochen wird. Letzten Sonntag gab es nämlich einen Volksentscheid für oder gegen die Unterschrift des Präsidenten Oscar Arias unter das CAFTA – Central American Free Trade Agreement, hier auch TLC genannt (Tratado de Libre Comercio) mit den U.S.A. Die Costaricaner haben sich – knapp, mit etwa 48 zu 42 Prozent – dafür entschieden. Unser Hotelier meint: „Eine Entscheidung von Reich und Gebildet gegen Arm und Ungebildet“. Interessant ist, dass es überhaupt ein Referendum gab – einzigartig in der recht autokratisch geprägten lateinamerikanischen Welt. Aber Costa Rica ist das mittelamerikanische Land mit der längsten demokratischen Tradition und überhaupt untypisch. Diese Aussage bedürfte jedoch längerer Erklärungen, für die hier kein Platz ist. Zum Teil wird sie uns Carlos liefern, unser Mountainbike-Guide am letzten Tag.

14.10.07 – 12. Tag
Den regenfreien Vormittag nutzen Claudia, Inge und ich nochmal zum Reiten. Höhepunkte der Tour (Affen kennen wir ja nun schon): der tolle Aussichtspunkt hoch über dem Meer im Wald und der Galopp am Strand. Nachmittags bringt sich jeder irgendwo vor dem heftigen Regen in Sicherheit: in Bars, den wenigen Touristenläden, dem Internetcafé oder im Hotel…

15.10.07 – 13. Tag
Lang ist die Busfahrt zurück nach San José. Noch länger wäre sie ein bis zwei Tage vorher gewesen, als die Straßen noch nicht wieder von umgestürzten Bäumen und Erdrutschen befreit waren. Der hoch gelegene Aussichtspunkt, an dem wir zum Mittagessen stoppen, bringt mal wieder keinerlei Sicht: Regen, Nebel, Regen…
Ankunft in San José; nach einer kurzen Stadtrundfahrt haben wir eine Stunde Zeit zum Bummeln. „Warum seid ihr so still?“, möchte Ivork anschließend auf der Fahrt nach Ciudad Colón wissen. Vermutlich denken alle das Gleiche: wir möchten ihn nicht in seinem Nationalstolz beleidigen, indem wir aussprechen, was wir von seiner Hauptstadt halten – nämlich gar nichts. Die hässlichste Kapitale, die ich je gesehen habe. Der Nachbau des französischen Nationaltheaters in klein, den die Kaffeebarone Anfang des letzten Jahrhunderts veranlassten, wirkt dermaßen deplaziert zwischen den Fast-Food-Lokalen und Billigläden, die in den gradlinigen und schmucklosen Häuserzeilen untergebracht sind, dass er den Schockeffekt durch den Kontrast noch verstärkt. Dabei ist das Theater der ganze Stolz der Ticos.

Costa Rica
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16.10.07 – 14. Tag
Der letzte Tag, der eigentlich der erste gewesen wäre. Carlos, Janie und Giovanni holen uns mit eigenem Mikrobus und Top-Mountainbikes vom Hotel Marañón ab und bringen uns hinauf auf den Poás. Der weltgewandte Carlos weiht uns in perfektem Englisch und unterhaltsam zusammengefasst in die Geschichte sowie die politische und wirtschaftliche Situation des Landes ein. Die Einführung ist auch am Schluss der Reise noch interessant. Jetzt wissen wir immerhin schon besser, wovon er spricht. Politisch liegen Carlos und Ivork allerdings nicht auf einer Linie (so war Ivork gegen den TLC), was in erhitzten Diskussion auf Spanisch zwischen den beiden mündet. Nun ja, vor allem diskutiert unser Reiseleiter.
Auf dem Vulkan haben wir Glück. Zwar ist der Himmel nicht gerade blau, aber wir haben freie Sicht auf den beeindruckenden Krater bis hin zur Karibikküste und später noch auf eine schöne, wassergefüllte Laguna, die laguna Botos.

Costa Rica

Die 21-Kilometer-Abfahrt auf den Bikes finden manche „geil“; ich eher anstrengend. Denn nur kontinuierliches Bremsen sichert eine kontrollierbare Geschwindigkeit. Einer der speed-bumps, vor denen wir ausdrücklich gewarnt wurden, wird Inge zum Verhängnis. Hat sie die Bodenwelle übersehen oder davor zu stark abgebremst? Keiner hat es gesehen, sie selbst kann sich aufgrund des erlittenen Schocks später an nichts mehr erinnern. Auf jeden Fall landet sie in hohem Bogen mit dem Gesicht auf dem Asphalt und ist erst einmal eine Weile bewusstlos. Gut, dass wir eine Ärztin dabei haben. Die steigt mit Inge in den Bus um und checkt sie auf Gehirnerschütterung oder ähnliches. Nicht auszudenken, wie der Sturz ohne Helm ausgegangen wäre…
Mit den Bikes radeln wir bis mitten in die Doka-Kaffeeplantage. Nach einem feinen Mittages-sen lernen wir alles über den Kaffee: von der Bohne über die Anpflanzung, Ernte und Weiter-verarbeitung bis hin zu den verschiedenen Sorten und Geschmacksrichtungen, die durch das Röstverfahren entstehen. Sehr interessant (den Kaffee gibt es im Supermarkt allerdings we-sentlich günstiger zu kaufen als auf der Plantage selbst).
Nun regnet es auch endlich wieder. Zurück im Marañon versucht uns das Personal beim Ab-kassieren übers Ohr zu hauen. Kein schöner Zug am letzten Abend.

17.10.07 – 15. Tag
Vorbei. Ein letztes Mal steigen wir zu Fabio in den Bus, lädt er das immer schwerer geworde-ne Gepäck ein (nicht nur durch Einkäufe, sondern durch das viele Wasser und den Dreck haben die Koffer an Gewicht zugenommen). Wir fahren zum Flughafen, der Abschied – schmerzlich aber schnell. Eine anstrengende, lange Rückreise steht uns bevor…

Fazit: Die Costa Rica ist jedem zu empfehlen, der sich gerne in der Natur bewegt und Freude an exotischer Botanik und Fauna hat. Hier kann man relativ gefahrlos, da von professionell arbeitenden Guides geleitet, den Dschungel erkunden, raften, reiten, sich von Bäumen abseilen (Canopy), biken, Kanu fahren und und und. Was manchem vielleicht fehlt, ist das, was man gemeinhin unter Kultur versteht. Alleine die Architektur: Es lebten hier keine bedeutenden präkolumbischen Völker wie die Inkas oder Mayas, die bedeutende Bauwerke geschaffen hätten, noch haben sich hier Kolonialherren wirklich niedergelassen und für hübsche Barockstädtchen gesorgt. Costa Rica war immer eine Art Durchreiseland. So sind die Städte und Ortschaften regelrecht hässlich, mit ihren nur ein- bis zweistöckigen schmucklosen, schachbrett-artig verteilten Häusern. So stellt man sich allenfalls den wilden Westen vor. Auch einheimi-sche Musik hört man selten. Aus den Radios schallen englische Klänge, selten hört man la-teinamerikanische, geschweige denn authentisch costa-ricanische Rhythmen. Im Restaurant reißt einem der Kellner den Teller weg, sobald man fertig gegessen hat. Mag man nichts mehr bestellen, erhält man sofort die Rechnung – ungemütlich! Essen, Trinken, Kleidung in normalen Läden – das ist alles äußerst preiswert. Dazu im Kontrast stehen die recht hohen Preise (europäisches Preisniveau) für die touristischen Aktivitäten, die immer gleich in Dollar aus-gewiesen sind. Die Guides sprechen größtenteils hervorragend Englisch und sind meist super-freundlich, charmant, witzig… – das ist ihr Geschäft. Wirklich persönlich/menschlich erfährt man selten etwas von den Leuten, auch nicht, wenn man fließend Spanisch spricht. Daher ist meine persönliche Meinung: Die Reise hat mir sehr gut gefallen, ich hatte viel Spaß, nette Mitreisende, habe viel gesehen – trotz Regens – aber meine Cuba-active-Reise hat mir besser gefallen. Denn in Cuba hatte ich das Gefühl, viel mehr von der Realität des Landes mitzube-kommen.

Ein Gedanke zu „Pura Vida oder „Was ist los ist in Costa Rica“

  1. Tom

    Der Bericht ist von 2007 und hat noch keinen Kommentar? Dann bin ich halt der erste:
    Costa Rica ist tatsächlich ein Klasse-Reiseland, Naturliebhaber finden dort alles was das Herz begehrt denn in Costa Rica wird der Naturschutz groß geschrieben – das war nicht immer so. Danke für den tollen Bericht, hat sich wie ein Buch gelesen.

    Gruß Tom

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