30. März 2005

Cuba – wo der Hahn frühmorgens kräht … aber dennoch nicht beim Träumen stört

Reisebericht von Susanne Schwarzbürger (susanne.schwarzbuerger at T-Online.de)
FROSCH Reiseziel Rundreise Cuba – aktiv

“[…] la vida es sueño, y los sueños, sueños son“, worauf könnte dieses geflügelte Wort Calderón de la Barcas, des Klassikers aus dem spanischen Goldenen Zeitalter, besser zutreffen als auf diese Cuba-Reise? „Denn ein Traum ist alles Leben / Und die Träume selbst ein Traum“, schrieb dieser bereits 1636, ganz ohne an der von Frosch-Reisen angebotenen und von aventTOURa durchgeführten Cuba-aktiv Reise teilgenommen zu haben. Wie konnte er ahnen…?

Cuba-aktiv ist eine Traumreise! Und zwar im eigentlichen Wortsinn: Die lange, ermüdende, in Matthias’ und meinem Fall noch um 24 Stunden verlängerte Anreise (leider hatte der Flieger Frankfurt-Madrid so viel Verspätung, dass wir den Anschluss nach Havanna erst im zweiten Anlauf erreichten), die Ankunft zu fast nachtschlafender Zeit sowie die Cuba nachts beherrschende Dunkelheit – schließlich muss Strom gespart werden, wo es nur geht – versetzt die Ankömmlinge bereits in jenen somnambulen Zustand, der die Unterscheidung zwischen Traum und tatsächlichem Erlebnis erschwert. Was unsere Augen und Ohren in den darauf folgenden 15 Tagen und Nächten entdeckten, war, obwohl der Wecker fast jeden Morgen un-urlaubsmäßig früh läuten musste, kaum dazu angetan, diesen Traum-Zustand aufzuheben. Da ist zum Beispiel gleich dieser bemerkenswerte Taxifahrer, der nicht nur die aus der Dunkelheit auftauchenden Hindernisse in Form von unbeleuchteten Fahrrädern, Pferdekutschen, usw. umsichtig umschifft, sondern dabei gleichzeitig durchaus kultiviert Konversation betreibt – ein krasser Gegensatz zu dem Madrider Kollegen, der uns in Spanien laut fluchend zum Flughafen kutschiert hatte und eines der Positivbeispiele von Fidels Bildungspolitik. Man spürt durchaus, dass nirgendwo in Lateinamerika die Analphabetenquote so gering ist, wie in Cuba…
Wo sind wir hier bloß gelandet? Welch’ merkwürdige Mischung. Im Dunkeln zeichnen sich die ersten Luxus-Oldtimer ab. (Erst viele Tage später, in Trinidad, sollte ebenfalls auf traumhafte Art und Weise mitten in der Nacht ein Traum des ein oder anderen Reiseteilnehmers in Erfüllung gehen: die Fahrt im Chevy, 55er Baujahr, in Form eines illegalen Taxis, das uns zu siebt! mitnahm). Dann das Hotel Inglaterra, irgendwo zwischen Kolonial- und Jugendstil. Hier atmet die Tradition. Wie passt dazu die laute Salsamusik, die auch zu später Stunde noch live auf der Veranda geboten wird? Was wir zu diesem Zeitpunkt noch nicht ahnen: außer zum Frühstück sollte in den folgenden zwei Wochen kaum eine Mahlzeit mehr ohne Livemusik-Begleitung eingenommen werden. Und das nicht, weil wir Touristen sind. Das Musizieren ist in Cuba offenbar eine häufig gewählte Broterwerbsquelle. Und die meisten Musiker haben Talent, auch wenn auf Dauer die zu oft wiederholten Titel etwas nerven („¡Besame mucho!“). Doch man spürt auch: der Buena Vista Social Club lebt.

Nachdem also die Stadtführung durch Havanna und der Salsa-Kurs leider verpasst wurden, besteht unsere erste Begegnung mit Leo(el), unserem Reiseführer, aus einem kleinen Zettel, dem Aufruf zum Appell am nächsten Morgen um 8.30 Uhr zur Abreise. Uff. Habe ich nicht Urlaub?? Aber Leo überzeugt auf den ersten Blick. Leuchtende blau-grüne Augen unter dem Baseballkäppi (so muss er sich keine Gedanken über die Frisur machen, erfahren wir später). Dynamisch. Voller Energie, durchaus auch Temperament, sehr sympathisch und kompetent und, spätestens wenn er im Bus zum Mikro greift, 100%iger Profi in Sachen Reiseführung. Unnachahmlich sein Akzent, wenn er die Ortsnamen der Städte betont, die wir besuchen werden. Es geht also gleich los, zu acht in einem Bus mit 20 Plätzen, plus Leo plus Busfahrer Ernesto, das ist bequem. Wir starten Richtung Westen. Einmal den ganzen Malecón hinunter – ohne hohe Wellen – durch den Stadtteil Miramar durch das faszinierend verkommene Havanna zur Autobahn Richtung Westen. Eh, Autobahn? Offiziell ist es eine, es führen auch durchaus zwei Spuren in jede Richtung, getrennt durch einen prachtvollen Mittelstreifen, auf dem üppige Bougainvilleen und ähnliches blühen. Aber alle Verkehrsmittel sind auf Cubas autopistas zugelassen. So tummeln sich hier (falls man bei dem real existierenden Betrieb von „tummeln“ sprechen kann) nicht nur (gelegentlich) Autos und sonstige motorisierte Vehikel diverser Art – vor allem die sogenannten Russenlaster, die recht viele Menschen auf der offenen Ladenfläche unterbringen können – , sondern auch die allseits präsenten Fahrräder, ausgefeilte andere Fahrradkonstruktionen, Pferdewagen, Ochsengespanne, und und und. Der Phantasie in Sachen Fortbewegung werden in Cuba keine Grenzen gesetzt, irgendwie und irgendwann kommt schließlich jeder an sein Ziel.

CubaProgramm- und Höhepunkte dieses Tages bestehen aus der Besichtigung einer kleinen Tabakplantage, dem Probieren der ersten Zuckerrohrmilch, natürlich mit Rum, der Aussicht auf das einzigartige Valle de Viñales von dem Plateau neben dem Hotel Los Jazmínes – auf das wir uns dann schon mal vorfreuen dürfen – und aus dem Besuch einer Höhle des insgesamt riesigen, circa 50 Kilometer umfassenden Höhenkomplexes Santo Tomás. Nach dem Abendessen genießt der ein oder andere die erste, auf der Tabakfinca erstandene Zigarre, kreist die erste Rumflasche in der Runde, die sich noch auf einer der kleinen Terrassen der einzelnen Reihenbungalows versammelt hat, in denen wir untergebracht sind. Leo ermahnt uns, um spätestens 7.30 Uhr am nächsten Morgen hinauszugucken, da sei die Aussicht auf das oft mit Frühnebelschwaden durchzogene Tal am besten. Verschlafen ist hier, wie auch in fast allen anderen Orten, wo wir uns noch aufhalten würden, schwierig, denn spätestens gegen vier beginnen die offenbar zahlreichen Hähne zu krähen. Das Landleben ist einfach laut. Aber in der Tat: wunderschön präsentiert sich das Tal zu unseren Füßen im frühen Morgenlicht. Der Sonnenstand betont das warme Orange-Braun der Erde, aus der Königspalmen – Cubas Wahrzeichen – grün herausragen, sowie die faszinierend geformten Mogotes, grün bewachsene Kegelkarstfelsen. Das Ganze durchzogen von einem leichten Nebelschleier – eine Traumlandschaft.

Cuba

Doch leider müssen wir schon wieder Abschied nehmen, von diesem wunderbar gelegenen Hotel, es geht weiter. Da das nächste Hotel von der staatlichen Agentur überbucht wurde (das ist auch sozialistische Tourismusindustrie), müssen wir ausweichen und leider auf die geplante Radtour durch dieses faszinierende Tal verzichten. Leo tröstet uns mit der Aussicht auf ein viel besseres Hotel, als eigentlich vorgesehen. Und in der Tat: das Hotel Moka in Las Terrazas ist einmalig. Es liegt inmitten eines Biosphärenreservats nahe eines Sees inmitten der Sierra del Rosario – die Berge reihen sich wirklich kugelig wie an einem Rosenkranz um das Gebiet – und die Bäume wurden beim Bau der Zimmer nicht gefällt, sondern führen ganz organisch mitten durch. Größtenteils werden wir in Einzelhäusern mit Familienanschluss untergebracht. Die Zimmer samt Bad haben den einem cubanischen 4-Sterne Hotel entsprechenden Standard, sind allerdings beeindruckend groß. Aber man gelangt zu ihnen, indem man zunächst einmal Küche und Wohnzimmer seiner „Gastfamilie“ durchschreitet. Sehr interessant. Ebenfalls privat, bei Maria, wärmen wir uns auf Schaukelstühlen vor dem laufenden Fernseher sitzend und heißen Kaffee schlürfend wieder auf, denn seit dem frühen Nachmittag hört es nicht mehr auf zu regnen und es ist beträchtlich abgekühlt. Dabei hatten wir, als es losging, unsere Radtour von Soroa nach Las Terrazas abgebrochen, da praktischerweise eh gerade an Thomas’ Rad die Pedale abgebrochen war.
CubaDie circa 25 Kilometer, die wir geradelt waren, reichten uns auch, denn die Landschaft war hier kaum hügelig zu nennen. Es war richtig bergig und bei der Luftfeuchtigkeit doch sehr anstrengend zu bewältigen. Über uns kreisten bereits die Truthahngeier… Doch bisweilen fand man auch Proviant auf dem Weg. Irgendjemand hatte auf der Straße eine Honigwabe verloren, und da in Cuba alles verwertet wird und man solch einen Leckerbissen eh nicht alle Tage findet, machten sich Leo und Ernesto darüber her. Wir mochten nicht so recht probieren.
Persönlich verpasse ich an dem Abend leider ein weiteres Highlight, von dem noch oft geschwärmt werden würde: das Abendessen in einem vegetarischen Restaurant, wo allerlei sehr Exotisches serviert wird. Da mein Haus am weitesten vom Hotelgebäude weg liegt und ich mich auf dem Weg zurück von unserem Kaffeetrinken bei einbrechender Dunkelheit und nicht nachlassen wollendem Regen in dem labyrinthisch erscheinenden Dorf total verlaufe, und erst nach Hause finde, als ich eigentlich schon wieder an unserem Treffpunkt sein sollte, ich zudem nasse Füße habe, fühle ich mich völlig demoralisiert und habe keine Lust mehr, noch mal aufzubrechen.
Als Leo mich schließlich suchen kommt – er hatte mir tatsächlich einen Wagen geschickt, der mich aber nicht antraf, da ich ja noch durch die Gegend irrte – kann ich mich nicht mehr motivieren. Aber vielleicht hat das ja auch sein Gutes. Immerhin bin ich eine der wenigen, die nicht mit Dauerdurchfall zu kämpfen hat… (Imodium nicht vergessen!)

Cuba

CubaAm nächsten Tag scheint wieder die Sonne. Wir fahren zurück nach Soroa, quartieren uns wieder in Bungalows ein, diesmal um den Pool gruppiert, besichtigen einen wunderbaren Orchideengarten und anschließend einen gar nicht so spektakulären Wasserfall. Nur einer von uns entschließt sich zu einem Bad – mit Folgen. Er verletzt sich leicht am Fuß als er von einem glitschigen Felsen abrutscht. Die Wunde infiziert sich, der Fuß schwillt an, er bekommt Fieber … und kann sich so aber von der hervorragenden medizinischen Versorgung in Cuba mit eigenen Augen überzeugen – der ein oder andere aus der Gruppe beneidet ihn um die Pflege, die ihm die hübschen Krankenschwestern angedeihen lassen – aber das ist wieder eine andere Geschichte.

Unsere große Radtour steht am Folgetag auf dem Terminplan: Wir radeln von Soroa wieder gen Westen über San Cristóbal und kleine Ortschaften nach San Diego de los Baños. Für mich eines der absoluten Highlights der Reise. Es ist Sonntag, alle Welt auf den Beinen und mit den abenteuerlichsten Verkehrsmitteln unterwegs. Und wir sind mitten drin. Können anhalten, wann wir wollen, etwas von Straßenständen kaufen… Das heißt, es ist Leo, der uns wiederum zu Zuckerrohrmilch einlädt und eine Runde Bananen schmeißt, da an diesen Orten nur mit cubanischen Pesos bezahlt werden kann. Und die haben wir nicht. Die Männer bestaunen insbesondere die cubanischen Frauen, die trotz der offensichtlichen Mangelwirtschaft sehr sorgfältig zurechtgemacht auftreten. Fast keine ohne Nagellack. Die am Wegesrand häufig exponierten Bilder und Namen von fünf in den USA politisch inhaftierten Cubanern („Volverán“) initiieren Gespräche über Politik.

Das Hotel für diese Nacht ist das schlechteste der ganzen Tour (alle anderen waren geradezu phantastisch, jedes auf seine Art). Architektonisch zwar recht hübsch (Baujahr 1920), aber etwas schmuddelig, mit schmierigem Geschäftsführer, überteuerten Sandwiches und Versuchen, einen beim Abkassieren übers Ohr zu hauen, zudem am Sonntagnachmittag überlaut. Offensichtlich vergnügen sich hier cubanische Tagesausflügler mit einer Karaoke-Show. Immerhin gibt es hier unter einer Palmdachhütte einen netten Grillabend für uns, und die obligatorische Band am Abend ist hervorragend.

CubaEs folgt ein ruhiger Tag, weitgehend im Bus, denn der Weg von San Diego bis nach Santa Clara ist weit. Wir stoppen nur in Havanna und lassen die Räder da sowie zum Mittagessen auf einer wunderbaren Ranch mit angeschlossenem Zoo. Bei einer Art Roulettespiel mit Meerschweinchen gewinnt gleich eingangs Thomas die ausgelobte Flasche Rum. Die anderen Tiere sind exotischer, nämlich cubanisch. Die ca. 80 Jahre alten Schildkröten, die sogenannten Baumratten (Jutías) und Schlangen (Majás), kleine Krokodile und noch mehr besuchen wir nach dem Essen (mit etwas aufdringlicher Band). Im Motel Los Caneyes schlafen wir in runden, palmgedeckten Bungalows, die jeweils etwa 6 Zimmer umfassen. Abends gibt’s eine Modenschau und etwas Disco.

CubaNicht nur, aber vor allem in Santa Clara, ist Che Guevara allgegenwärtig. Hier, wo der letzte große Kampf der cubanischen Revolution stattfand, ist der Revolutionär aus Argentinien beerdigt. Hier hat man ihm ein wahrlich monumentales Denkmal errichtet, hier gibt es ein Mausoleum für ihn und seine Kampfgefährten sowie ein kleines aber feines Museum. Wir besichtigen nicht nur das, sondern auch die recht hinfällige Stadt sowie das Denkmal mit dem gepanzerten Zug, der Batistas Truppen Nachschub bringen sollte und dem die Revolutionäre in Santa Clara auflauerten, um ihn im Sturm zu nehmen – ohne Blutvergießen und mit viel List.

CubaDoch schon lassen wir die Stadt hinter uns, Ernesto quält den Bus zum Teil in Serpentinen bergauf in die Sierra del Escambray, die Landschaft wird wieder vielfältiger und immer grüner. Dort, mitten auf dem Berg, auf 800 Metern Höhe, steht tatsächlich ein auch so betituliertes „Kurhotel“, ein Lungensanatorium in einem riesigen Kasten. In seiner Nähe steigen wir um: von unserem Luxusbus in einen eigens für uns bereitstehenden Russischen Lkw. Da muss man schon einiges Vertrauen beweisen, wenn man so ziemlich ungesichert auf dessen Ladefläche über die 20 bis 30 Prozent-steilen Pisten rast. Aber wir lernen auch Samuel kennen, unseren Nationalparkführer für diesen und den nächsten Tag. Ihn kennen zu lernen, ist eine weitere Bereicherung der Reise, denn der 49jährige kennt sich nicht nur mit der Flora und Fauna der beiden Parks, durch die er uns führt, hervorragend aus, sondern er hat auch eine ganz eigene, irgendwie typisch cubanische Geschichte zu erzählen – die wir aber erst bei einem Wiedersehen in Trinidad am Samstag drauf erfahren werden.
CubaBei „unserer“ Hacienda angekommen, gibt es zunächst einmal eine üppige Stärkung unter großen Weihnachtssternen und Palmen, beziehen wir unsere Zelte unter Orangenbäumen, bevor wir uns mit Samuel auf den Weg durch den Urwald machen. Ziel ist ein beeindruckender Wasserfall, zwischendurch gibt es einen Badestopp an einem kleinen See mit kleinem Wasserfall und viele Erklärungen und Erzählungen zu Pflanzen und Tieren. Wir sammeln Urwaldkastanien und „Ochsenaugen“, bewundern immer wieder flatternde Kolibris, trinken am Schluss Kaffee bei einer kleinen Farm.
Fast noch mitten in der Nacht tippe ich vor Schreck fast an die Decke: hier kräht der Hahn unmittelbar neben dem Zelt, es läuft das Hausschwein vorbei und labt sich an Orangen, die Geräuschkulisse ist vielfältig. Der Russische Truck holt uns nach dem Frühstück wieder ab, bringt uns wieder zurück zum Bus, und Ernesto bringt uns zum Ausgangspunkt unserer heutigen Wanderung. Die führt weniger durch Urwald, sondern mehr durch fast zivilisierte Plantagen. Wir sehen viele Bananenbäume, Orangenbäume, Zitronenbäume und Kaffeekulturen. Ziel ist wiederum eine Art Höhle, in die man allerdings waten oder schwimmen muss. Mittags wird uns auf einer anderen Hacienda ein ganzes Spanferkel kredenzt. Doch niemandem schmeckt es so recht. Beim Servieren ist es merkwürdigerweise schon stark abgekühlt und die dazu servierte Orangensoße ist stark gewöhnungsbedürftig. Überhaupt, sei am Rande bemerkt, ist Cuba nicht gerade das Land kulinarischer Hochgenüsse. Aber im Traum isst man ja auch selten, oder?
Mit dem Truck geht’s zurück zum Treffpunkt, wo wir auch unseren Verletzten wieder einsammeln. Ernesto fährt uns in Serpentinen auf der anderen Seite des Gebirges wieder hinunter nach Trinidad, bzw. an die Playa Ancón.

CubaMit dem Hotel Las Brisas erwartet uns sicher ein gewisser Luxus, mehr Abwechslung im Essen, und das alles all inclusive, aber wir sind zunächst einmal etwas geschockt. Nach soviel bunter Abwechslung und auch dem Gefühl, in Landschaft und ein wenig auch in Ortschaften eingetaucht zu sein, auch ein paar Einblicke in das Leben der Cubaner erhalten zu haben – nicht zuletzt durch die vielen Gespräche mit Leo –, d.h. bei dieser ganz individuellen Reisegestaltung (trotz Gruppenreise), erschreckt dieser laute Massenbetrieb erst mal. Das Hotel ist baulich sehr schön wie ein kleines Dorf angelegt, die Lage am Strand absolute Spitze, aber in dem Hauptrestaurant geht es zu wie in einer Kantine, allein schon von der Geräuschkulisse her. Dazu kommen die öffentliche Animation, die vielen anderen Touristen, die nicht hier sind, um Cuba kennen zu lernen, sondern um ein paar Tage möglichst billig unter karibischer Sonne zu entspannen und gerne schon morgens um zehn den ersten Mojito bestellen und ähnlich für uns erst mal Ungewohntes. Doch bald entdecken wir auch hier authentisch cubanischen Charme. Vor allem in der Snack-Bar, wo es nicht ungewöhnlich ist, auf einen Hot Dog fast eine Stunde zu warten, da der Koch natürlich nicht in der Lage ist, seinen großen Ofen mit mehreren Teilen gleichzeitig zu bestücken und außerdem muss er unbedingt noch vorher mit einem Kollegen plaudern, da der sich sonst womöglich langweilen würde. Das Unterfangen, nachmittags an ein Eis zu gelangen, setzt umfangreiche Spanischkenntnisse voraus und diverse Angestellte in Bewegung. Bis noch ein Löffel dazu aufgetrieben wird, kann die kostbare Abkühlung schon geschmolzen sein.
Aber auch wir gewöhnen uns ans träge Strandleben. Es sind uns ja eh nur zwei ganze Ruhetage vergönnt, denn zunächst einmal steht noch die Stadtbesichtigung von Trinidad an.

CubaWunderschön mit ihren pastellfarbenen niedrigen Häusern ist die Kolonialstadt Trinidad del Mar. Nachdem wir noch von einem Aussichtsturm in der Nähe die Sicht auf die umliegenden Zuckerrohrplantagen, die Zuglinie und die nahen Berge auf der einen Seite sowie das Meer auf der anderen genossen haben, den Ansturm der Händlerinnen vor dem Turm überstanden haben und uns mit noch einer, diesmal selbst gemahlener, Zuckerrohrmilch gestärkt haben, führt uns Leo durch die mit Kopfstein bepflasterten Gassen der kleinen Stadt, zeigt uns die Kirchen und organisiert eine Museumsführung. Im Museo Romántico an der Plaza Mayor können wir anhand der ausgestellten Möbel und Hausrats nachvollziehen, wie gut es sich die Kolonialherren haben gehen lassen.

In Trinidad irritieren vor allem die vielen Menschen, vorwiegend Frauen, die offensichtlich gezielt Gruppen ansprechen und nach Seife, Kugelschreibern, Kleidung und ähnlichem fragen. Zwar waren wir auf solche Bitten vorbereitet, aber nicht darauf, dass man sich dann mit einem Seifenstück etwa nicht zufrieden geben würde. Sobald man etwas gibt, nimmt die Zahl der Bettler zu und die bereits begünstigte Person verlangt noch mehr und wird geradezu aggressiv. Allem Anschein nach wird hier nicht gebettelt, um die eigene Not zu lindern, sondern um Ware zusammenzutragen, die sich hinterher auf dem Schwarzmarkt gut verkaufen lässt. Später bestätigt Leo diese Beobachtung und rät davon ab, etwas zu geben, da dadurch seiner Ansicht nach die Anzahl der Bettler nur potenziert werde.

CubaDass gleichzeitig eine gewisse Not herrscht, die die Menschen alles Verwertbare auch nutzen lässt, merkt man als Tourist oft nur an kleinen, scheinbar unbedeutenden Situationen. So finde ich z.B. zufällig in meiner Jackentasche ein altes Einwegfeuerzeug, als Samuels Neffe, den wir Samstagabends samt Samuel in Trinidad treffen, zu einer Zigarette greift. Ich will ihm Feuer geben, in dem Moment geht das Feuerzeug kaputt, das Rädchen, an dem man dreht, bricht irgendwie raus. Nun würde unsereins das Billigding gleich wegwerfen, doch Samuel steckt es sorgfältig ein, es wird repariert werden. Zudem wundert er sich sehr darüber, dass ich, als Nichtraucherin, überhaupt ein Feuerzeug dabei habe. Gelegenheit, die eigenen Konsumgewohnheiten doch noch mal zu überdenken, die in so krassem Gegensatz zu dem stehen, was in Cuba möglich ist. Und: Wie würden die Cubaner darauf reagieren, herrschte hier von heute auf morgen der Kapitalismus? Diese offene Frage beunruhigt in dem Land sicherlich viele, die schon bei seinen Fernsehansprachen beobachten können, wie hinfällig ihr máximo líder Fidel Castro mittlerweile wirkt. Denn wer und was kommt danach?

Auch wenn diese Cuba-Reise für den ein oder anderen mehr Fragen mit auf den Heimweg gibt, als er anfänglich hatte, genießen wir die letzten Tage recht unbeschwert. Unvergesslich auch die Katamaranfahrt nach Cayo Blanco, einer kleinen, etwa 30 bis 40 Kilometer der Küste vorgelagerten Insel, die so richtig nach Karibik-Reiseprospekt aussieht. Wir erleben schnorchelnd die Korallen- und Fischwelt, essen eine wunderbare Paella, zum Teil auch Hummer, an Tischen im weißen Sand, über unsere Füße huschen Warane in der Hoffnung auf den ein oder anderen Krümel, mit dem restlichen Brot füttern wir Cutías und im Wasser tummeln sich Pelikane. Auch ein riesiger roter Seestern ist zu bestaunen. Leo und Ernesto haben sich für drei Tage verabschiedet; unser cubanischer Reiseführer dürfte die Katamaranfahrt gar nicht mitmachen – er könnte ja versuchen, aus Cuba zu fliehen…

Cuba
Cuba

Die nächsten beiden Abende erproben wir Trinidads Nachtleben. Unvergesslich die authentisch cubanische Disco Fresa y Chocolate, wo im Innenhof eines altehrwürdigen Gebäudes nicht nur reine Salsaklänge gen Sternenhimmel steigen, auch zu Reggaeton (neue Form des Reggae, gemischt mit Rap, Dancehall, Hip-Hop und Salsa) und ähnlichem wird abgetanzt, und zwar eng, eng, eng. Was so zu beobachten ist, grenzt an offenem Sex auf der Tanzfläche, dabei kreisen die selbst mitgebrachten Rumflaschen. Absolut abschreckend sind hier allerdings die Toiletten – die Details aus Frauen- und Männersicht werden hinterher noch gerne ausgetauscht.
Am nächsten Tag zieht es uns in die eher auch von Touristen lebende Disco Ayala, da der Eintritt von 10 Pesos für Einheimische doch sehr hoch ist – auch wenn die Getränke dafür frei sind. Hier, in Las Cuevas beeindruckt vor allem das der natürlichen Höhlenumgebung zu verdankende Ambiente. Einmalig schön, diese Höhlendisco.

Am Sonntag holt uns Leo wieder ab, auf der Rückfahrt nach La Havanna besichtigen wir noch Cienfuegos, eine, im Gegensatz zum nicht wesentlich größeren Santa Clara, recht herausgeputzte Stadt, da hier, dank der ansässigen Industrie, anscheinend Geld vorhanden ist, die Stadt zu pflegen und viele der schönen Kolonialstilhäuser zu renovieren.
Zurück in Havanna erleben wir noch das Abenteuer „Restaurantbesuch auf eigene Faust und im Dunkeln“. Leo empfiehlt uns ein Lokal, das wir trotz genauer Beschreibung nur mit Mühe und Nachfragen finden – denn es ist wegen Renovierungsarbeiten geschlossen und es gibt außen (natürlich) kein Schild. Die Dame, die uns diese Auskunft erteilt, empfiehlt uns ein anderes in einem Galicischen Kulturclub, nur wenige Ecken entfernt. Auch hierhin finden wir nur nach mehrmaligen Fragen auf der Straße, entscheiden uns aber angesichts der bereits auf einen freien Tisch wartenden Schlangen dagegen, dort zu essen. Es ist Valentinstag – ob daher die Cubaner verstärkt essen gehen? Denn ansonsten ist schließlich ein ganz normaler Montagabend. Als wir uns schließlich in einem katalanischen Lokal niederlassen, knurrt uns der Magen und wir würden gerne schnell essen. Aber Geduld muss man in Cuba bei so ziemlich allem mitbringen. Weit über eine Stunde warten wir auf simple Kartoffeltortillas und ähnliches. Nicht als Entschädigung, sondern weil der 14. Februar ist, erhalten die Damen zum Abschied immerhin eine Blume und die Herren, wie ungerecht!, eine Zigarre. Wir beenden die Soirée mit einem Daiquiri mit Hemingway, der in Bronze in El Floridita an der Theke steht. Hier geht es schnell mit der Bedienung. Dafür sind wir in der eleganten, überteuerten Bar aber auch fast die einzigen Gäste. Außer Touristen verläuft sich hier niemand her.

CubaMein erstes Erlebnis am nächsten Morgen besteht in einem Bankbesuch. Die Geldinstitute öffnen eine Stunde später als eigentlich vorgesehen. Wir Leo mir später erklärt, gehen auch die Schulkinder derzeit eine Stunde später in die Schule, um die wegen Stromproblemen nicht vollzogene Umstellung auf die Winterzeit auszugleichen (es sind derzeit nur fünf, keine sechs Stunden Zeitunterschied zu Europa). Auch wenn man bereits vor der Öffnung da ist und bereits als Zweite dran wäre, darf man sich auf Wartezeiten gefasst machen. Denn bevor die Kunden bedient werden, müssen nach dem Aufschließen der Tür erst mal die Computer (sofern vorhanden) hochgefahren und die Erlebnisse des Wochenendes ausgetauscht werden. Etwa 10 Minuten nach Öffnung beginnt dann der Betrieb und der erste Kunde von vieren, die zunächst eingelassen wurden (es gibt innen noch mal vier Wartestühle), wird bedient. Dass ich das erleben durfte, habe ich der Tatsache zu verdanken, dass die Bankautomaten außen außer nationalen Karten nur Visa-Kreditkarten akzeptieren, keine Master-Card. Und dass mein Bargeld nicht mehr ausgereicht hätte, den ausgiebigen Einkaufsbummel durch Havanna zu finanzieren. Aber, wie sich erst bei der Abrechnung herausstellte, hat sich der Gang auch finanziell gelohnt. Der Wechselkurs war erheblich günstiger als der Bar-Wechselkurs im Hotel.

Cuba
Cuba

Der letzte Tag vergeht schnell mit der Besichtigung der Zigarrenfabrik Partagás, einem ausgiebigen Spaziergang durch die Altstadt, dem Mittagessen auf der Dachterrasse eines an der Plaza de Armas gelegenen Traditionshotels (Wartezeit!), dem Besuch des Malecóns und dem Schießen der letzten Bilder – denn, fotografierenswert erscheint irgendwie alles, egal wohin man blickt, sieht man Traumwelten. Die allerdings beträchtlich stinken. Nach 14 Tagen auf dem Land empfinde ich Havanna als laut und übelriechend, auch wenn malerisch fürs Auge. Beim Abendessen im China-Town versuchen wir nochmals (der Großteil der Gruppe hatte das bereits am ersten Abend in Havanna getan) dem chinesischen Kellner beizubringen, dass 10 Prozent (Umsatzsteuer) nicht unbedingt 10 Pesos entsprächen, aber diese Logik ist für ihn nicht ganz nachvollziehbar.
Der dreisteste und gänzlich uncharmante Versuch, Touristen auszunehmen, begegnet uns am Flughafen auf der Damentoilette in Form von zwei Frauen, die eine Art Sperre errichtet haben und nur durchlassen wollen, wer ihnen zwei Euro fürs Toilettenpapier gibt. Bei manchen sind sie tatsächlich erfolgreich…
Doch davor genießen wir noch einen letzten Cocktail auf der Veranda des Inglaterra und verabschieden uns etwas wehmütig von unserem Leo und von Ernesto, der uns so ruhig und sicher durch sein Land chauffiert hat. Obwohl der ein oder andere von uns Spanisch spricht, sind wir mehrheitlich sicher, dass es optimal war, diese Reise nicht individuell durchgeführt zu haben, da man dabei doch sehr viel Zeit allein auf so banale Dinge wie Essensbeschaffung verwenden müsste, ganz zu schweigen von der sonstigen Organisation. Es war eine Traumreise, deren viele Eindrücke mich sicher noch lange beschäftigen werden.

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