22. Mai 2008

Kehraus in Planachaux

Reisebericht von Peter Zangl (peter.zangl at t-online.de)
FROSCH Reiseziel Sportclub Onu, ChampĂ©ry – Schweiz

Die Skisaison 2008 ist in weiten Teilen Europas aufgrund des frühen Ostertermins beendet. Wo bloß kann man nach Ostern noch schön Ski fahren? Schnell auf die Frosch-Internetseiten. Crans Montana? Saison beendet, Davos? ausgebucht. Aber was ist das? Châlet ONU in ChampĂ©ry, in der südwestlichsten Ecke der Schweizer Alpen mit dem Skigebiet Portes du Soleil halb in der Schweiz, halb in Frankreich gelegen. Sieht nett aus und ein Plätzchen ist in der letzten Woche der Saison auch frei. Die Hausleiterin Elli und den Koch Friedhelm kenne ich noch von einem Aufenthalt in Crans-Montana. Die beiden hatten dort ihren Job auch schon prima gemacht. Da kann wenig schief gehen.

Denkste! Die Internet-Buchung ist dieses mal nicht so idiotensicher programmiert wie gewohnt. Auch wenn man wie ich Selbstanreise anklickt, muss man einen Bus auswählen, um fertig buchen zu dürfen. Und die korrekte Berechnung des Nachsaisonskipasspreises klappt erst im zweiten Anlauf, so dass fünfzehn Prozent Differenz mühsam zurückgebucht werden müssen. Nach ein paar e-mails und einem Telefonat sind alle Unklarheiten beseitigt und ich darf mit dem eigenem Auto und dem richtigen Reisepreis losfahren.

Auf der Autobahn am Genfer See überhole ich den Frosch-Bus, bin also auf dem richtigen Weg und auch bald am Treffpunkt an der großen Gondel in ChampĂ©ry, wo der Bus kurz danach ankommt und den Sammelpunkt für Busfahrer und Selbstanreisende mit der Reiseleitung bildet. Gott sei Dank, denn in meiner Reisebestätigung waren unterschiedliche Uhrzeiten für den Treffpunkt angegeben.

Da das Châlet ONU oben auf der Alm liegt und in der Wintersaison nur mit Skiern oder Pistenfahrzeugen erreichbar ist, bekommt jeder gleich seinen Skipass und darf sein Gepäck in einer Gitterbox verstauen. Die Seilbahngesellschaft liefert dann per Raupe.

Champery

Während der größere Teil der Gruppe die Gondel nimmt, parke ich mein Auto am Grand-Paradis Sessellift, wo auch die Talabfahrt endet und lifte nach oben ins Skigebiet, das Châlet bereits vor Augen. Es liegt am Ende der Planachaux, einer Hochalm, die hinter dem Haus in einen steilen Bergwald übergeht. Dabei wird mir klar: Das Auto kann man nicht wie sonst als erweiterten Kühl- und Kleiderschrank missbrauchen und auch mit schnell mal Shopping, Schwimmbad, Postamt etc. in ChampĂ©ry wird das diese Woche nix mehr, da der Sessellift nach diesem Wochenende seinen Betrieb einstellen wird. Urlaub mitten in Europa und doch am Ende des Universums! Während der Woche wird einer aus der Gruppe in Frankreich eine Bildzeitung vom Vortag kaufen, nur um an die Bundesligaergebnisse zu kommen. Dafür ist Handyempfang im Überfluss vorhanden. Man muss nur einmal durch den Speisesaal laufen und bekommt Tarifinfos von zwei schweizer und drei französischen Netzen. Und das Nachtleben müssen wir uns auch noch selbst machen? Hoffentlich gibt das keinen Hüttenkoller.

Champery

Das Châlet ONU wurde 1970 vom Generalsekretär der Vereinten Nationen (auf französisch abgekürzt ONU) eingeweiht, deshalb der Name. Seit der Saison 2007/2008 nutzen die Frosch-Sportreisen das Haus und haben viele gute Ideen aus anderen Destinationen importiert. Insbesondere die jüngsten Renovierungen im Heidi-Meets-Ikea-Suisse-Style führen zu einem Flair irgendwo zwischen Alpenvereinshütte und Smart-for-two, letzteres besonders hinsichtlich Bewegungsfreiheit und Stauraum in den Zimmern.

Hausleiterin Elli schickt alle, die Lust dazu haben, nach dem Kennenlernfrühstück erst einmal auf die Piste, damit das Team die Zimmer in Ruhe putzen kann. Sie hat ihre Mannschaft fest im Griff. Fast alles funktioniert wie am Schnürchen und kleine Pannen wie defekte Kaffeemaschinen und die altersschwache Sauna, die immer wieder einmal ausfällt, werden umgehend repariert. Lediglich beim Musikgeschmack scheinen Gäste und Team in anderen Dimensionen zu denken. Wenn schon wieder nur die selben Teamerhits laufen, hilft nur selbst was wünschen – die Musikanlage beherrscht nämlich das Repertoire einer Dorfdiskothek.

Champery

Aber erst einmal nix wie durch den Skikeller direkt auf die Piste, solange die Sonne noch scheint, um Hunger für das Abendessen zu sammeln. Das Essen ist diesen Abend wie auch den Rest der Woche nämlich extrem lecker und wird mit allen Schikanen zelebriert.

Am Sonntag führt uns dann Reiseleiterin Franzi sicher wie ein Navi durch die wichtigsten Pisten hinüber nach Frankreich und erklärt uns die neuralgischen Stellen im Skigebiet, um wieder sicher zum Châlet zurückzufinden. Insgesamt wurden vier Skigebietsführungen angeboten, deren Termine schon am Anfang der Woche feststanden. Auch wenn Franzis Standardansage: „Erst rechts und dann halblinks aber eigentlich geradeaus und da warte ich dann wieder, bevor man Schuss fahren muss.“ auch im schlimmsten Schneegestöber funktionierte und sich niemand auf den sechshundert Pistenkilometern verfahren hat, hätte man vielleicht die Tourenplanung besser auf die Wettervorhersage abstimmern können. Das Wetter war nämlich – wie im April nicht anders zu erwarten – ziemlich durchwachsen: Drei Tage Sonne, drei Tage Schnee und der Rest irgendwo dazwischen.

Da das Skigebiet Portes du Soleil nicht über 2300 m hinausgeht, war der neue Schnee unsere Chance, nicht nur auf braunen Sulzschneepisten durch grünen Hänge zu fahren, sondern das volle Programm vom frisch verschneiten, unverspurten Hang über die unpräparierten Skirouten mit vielen Buckeln bis zu den zahlreichen Schneelöchern neben den Pisten auch zum Saisonende noch einmal voll auszukosten. Höhepunkt des Skigebiets ist die Schweizer Wand, eine für Pistenraupen zu steile und deshalb unpräparierte schwarze Abfahrt von der Chavanette. Dazu gibts viele schöne Ecken neben den Pisten. Danke Franzi für den Hang mit der uncoolen Kuhle! So schön die Hänge und Pisten aber auch sind, bei der Infrastruktur fühlt man sich ins letzte Jahrhundert zurückversetzt. Viele Teller- und Bügelschlepper und Kniekehlen killende Sessellifte, kein einziger mit Bubble gegen Schnee und Wind. Trocknen kann man sich ja an einem der vielen Kaminfeuer auf den zahllosen Hütten.

Champery

Bei so vielen Pistenkilometern konnte es dann schon einmal passieren, dass Belag und Kanten einen großen Service vertragen konnten. Der wurde von der Skistation im Châlet ONU über Nacht zu einem annehmbaren Preis angeboten und von den meisten, die ihre eigenen Bretter dabei hatten, auch genutzt. An einem Abend wurde sogar ein Workshop angeboten, wo an praktischen Beispielen das ganze Equipment erklärt wurde und Fragen zu Skiern, Stiefeln Bindungen etc. beantwortet wurden. Nicht nur Anfänger, auch der erfahrene Skifahrer oder Boarder konnte da noch was dazulernen. War natürlich eine pure Werbeveranstaltung für die Servicestation, hat aber ihren Zweck erfüllt und der Servicestation zusätzliche Nachtschichten beschert. Auch Skikurse wurden angeboten, die so erfolgreich waren, dass wir die beiden Mädels, die diesen Kurs gebucht hatten, am Ende der Woche getrost auf die schwarze Weltcupabfahrt mitnehmen konnten.

Zweimal wurde nach dem Pisteln am Châlet ein AprĂ©s Ski in der Schneebar mit Musik aus dem Ghettoblaster angeboten. Schweizer und Franzosen haben das Ritual des AprĂ©s Ski in den Westalpen nämlich nicht wie die Tiroler oder Salzburger in den Ostalpen bis zur Ballermannreife entwickelt, sondern ziehen sich meist nur ganz still und leise auf eine chocolat oder einen vin chaud an ihre Kaminfeuer zurück. Ist übrigens auch ganz nett, solange man vor halb fünf in Reichweite seines Châlets ist, um nicht in einem der fernen Täler des Skigebiets übernachten zu müssen. Auch Taxi fahren hätte uns in der Nachsaisonwoche nur bedingt geholfen, da der Grand-Paradis-Hauslift nicht mehr lief und auch die Gondel um sechs Uhr dicht machte, was selbst Franzi einen unfreiwilligen Abendspaziergang beschert hatte.

Dafür liegt das Châlet direkt an der Piste und die üblichen Unannehmlichkeiten eines Skiurlaubs wie Warteschlangen an der Gondel oder Fahrpläne von Skibussen brauchten uns nicht zu interessieren, was nicht ganz unerheblich zum Erholungseffekt beitrug.

An einem Abend zauberte Franzi aus der Sauna ein Wellnessparadies mit vielen Schikanen. Dem Hüttenkoller keine Chance! Das galt auch für das Nachtleben im Kaminzimmer neben dem Speiseraum, wo nach dem Abendessen immer irgendwie Party war. Einmal gabs ganz stilecht Feuerzangenbowle bei Kaminfeuer. Hüttenromantik pur!

Im Laufe der Woche trudelte dann immer mehr Partyvolk ein und belegte die schönsten Zimmer des Hauses, um sich auf eine Megaparty nach unserer Abreise einzustimmen. Sie schienen VIP-Status zu genießen und an den Tücken des Frosch-Internet-Portals vorbei gebucht zu haben. Einige hektische Umbuchungen bereits bestätigter Zimmer durch die Frosch-Zentrale wurden dadurch erklärlich. Alle, die schon seit Samstag da waren, fühlen sich plötzlich als Urlauber zweiter Klasse. Titanic, Zwischendeck. Die Gruppendynamik geriet ganz schön aus dem Gleichgewicht und Elli musste das aufkeimende Geunke mit Aktionen wie einer nächtlichen Fackelwanderung besänftigen. Das Partyvolk war mit sich selbst beschäftigt, biss nicht, ließ uns aber bei seiner Megapartyvorbereitung mitfeiern, so dass die Stimmung schließlich zur Freitags-Open-End-Abschiedsparty wieder hergestellt war.

Der Gepäcktransport zur Abreise erfolgte wieder via Pistenraupe. Für ein paar eilige Autofahrer organisierte Elli, dass ein Vormittagstransport vom Nachbarchâlet mitgenutzt werden konnte, während der Rest der Gruppe den letzten sonnigen Tag auf der Piste verbrachte und noch einmal mit Spaghetti gestärkt wurde. Wir verbleibenden Autofahrer begaben uns danach auf die Talabfahrt nach Grand-Paradis, während Franzi den Rest zur Gondel führte.

Nach so einer idyllischen und abwechslungsreichen Bergwoche darf der Frühling ruhig kommen! Soll das Partyvolk meinetwegen weiterfeiern und die Theke einnorden. Für Mai sind Handwerker angekündigt, um die Sauna und die Bar zu renovieren.

Wenn die Froschzentrale bis dahin ihre Qualitätsprobleme im Griff hat, kann ich mir vorstellen, im Sommer oder in der nächsten Skisaison wieder ins Châlet ONU zu fahren.

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