5. April 2004

Weihnachten mal ganz anders – Trekking & Relaxen auf La Gomera

Reisebericht von Rita Maurer (ritamaurer at gmx.net)
FROSCH Reiseziel La Gomera – Trekking & Relaxen

Vorspiel: Juni 2002
Es begab sich aber zu der Zeit, dass sich einige toughe, junge, dynamische Froschurlauber nach einem typisch aktiven Froschtag unter Siziliens heißer Sonne (keine Bange, gleich geht´s um Gomera, versprochen!) am Strand erholten und bei der Suche nach Gesprächsthemen auf den alljährlichen Weihnachtswahnsinn kamen. Weil alle gerade ihre coole Phase hatten, wurde sich gegenseitig versichert, beim nächsten Mal dem stressigen Geschenke- und Familien-Marathon ein Schnippchen zu schlagen und über Weihnachten einfach wegzufahren. Ganz einfach!

September 2002
Der neue Froschkatalog ist da. Wie war das, Weihnachten verreisen? Superplan, und alles noch so schön weit weg!

November 2002
Eigentlich ist Weihnachten zuhause ja immer ganz nett. Oder doch nicht? Wenn ich mich nicht traue, eine Reise zu buchen, merken die anderen es doch gar nicht. Nur mein Schweinehund. Öhh, soll ich, soll ich nicht, soll ich, soll ich nicht, …
Anfang Dezember 2002
Bin wieder fast so cool wie im Juni und habe einfach bei Froschs mal nach der Trekkingtour auf Gomera gefragt. Ist bestimmt noch fast alles frei und ich kann die Entscheidung weiter verzögern.
Oh Schreck, nur noch ein Platz offen … uah, was mach ich denn jetzt … gebucht!

La Gomera

Aussicht auf Barrancos

21. Dezember 2002
Es geht los – damals die Reise und jetzt endlich der Reisebericht!
Vorab eine Erdkunde-Lektion: Gomera – die zweitkleinste der insgesamt sieben kanarischen Inseln – kann man sich grob vorstellen wie ein großes Seidentuch, was vom Rand her zusammengeschoben wird. Dadurch entsteht in der Mitte ein Knubbel bzw. bis fast 1.500 m hohe Berge wie Garajonay (1.487 m) und La Fortaleza (1.243 m) sowie in Kreisform rundherum insgesamt 50 „Falten“ bzw. Bergketten und Täler (Barrancos), die zum Meer hin auslaufen. Der Durchmesser der Insel beträgt nur rund 25 km; durch die unwegsamen Schluchten dauert es aber selbst per Auto an die zwei Stunden, bis man sich über sämtliche Serpentinen von einer Seite zur anderen durchgeschlagen hat.

La Gomera

Playa Guancha

Für einen reinen Badeurlaub eignet sich Gomera nicht so besonders, da es nur ganz wenige flache Strände mit Kies oder schwarzem Sand gibt, man aber hier oft aufgrund der starken Brandung nicht ins Wasser kann. Aber dafür bietet Gomera erstklassige Voraussetzungen für Leute, die fernab von irgendwelchen Bettenkörben und Liegestuhlrangeleien eine Urlaubsalternative mit sportlicher Betätigung und viel Natur suchen. Im Gegensatz zu den anderen sechs kanarischen Inseln ist Gomera sehr wasserreich und somit vor allem im Norden immer grün und sehr fruchtbar.

La Gomera

Lorbeerwald

Ungefähr in der Mitte befindet sich der größte zusammenhängende Lorbeerwald der Welt, der 1986 zum Unesco-Kulturerbe erklärt wurde, ein wunderschöner Märchenwald voller dichter, windschiefer Bäume, die voller Moose und Flechten hängen und dadurch ein ganz eigentümliches weiches Licht verstrahlen. Unterstrichen wird diese geheimnisvolle Atmosphäre durch zahllose rauschende Bäche und das ständige Knarren der Baumkronen. Als wir dort waren, zauberte der Sonnenschein zusätzlich noch alles voller Lichtreflexe, was aber wohl eher ungewöhnlich ist, da der Wald meistens sehr nebelig und dadurch angeblich noch mystischer sein soll.

Auf den ersten Blick – der Überfahrt von Teneriffa aus kommend – fand ich die Insel ziemlich wild und beengend, fast ein bißchen bedrohlich, zumal mir gleich dunkel schwante, dass wir diese imposanten „Bergfalten“ wohl irgendwie bezwingen mußten, um überhaupt ins nächste Tal zu kommen. Die Wanderungen waren somit wesentlich anstrengender, als ich mir das vorher naiverweise ausgemalt hatte – auf breiten Wegen gemütlich plauschend nebeneinander her zockeln war eher wenig angesagt.

La Gomera

Aussicht auf Teneriffa

Stattdessen führten die meisten Touren über steile, schmale Ziegenpfade krass bergauf oder bergab. Aber genau das machte nach dem ersten Einlaufen den Reiz aus, weil man angesichts der teils mehreren hundert Meter hohen Steilwände immer wieder seinen Schweinehund überwinden musste und letztlich meistens doch besser und schneller über die Barrancos kam, als man sich das beim einschüchternden Anblick vorher vorstellen konnte. Außerdem wurde man unterwegs und vor allem von oben immer wieder durch atemberaubende Aussichten – zum Teil oberhalb der Wolken! – getröstet.

Ohne pathetisch werden zu wollen, hat Gomera für mich ein bißchen was von meinen grundschulhaften Paradiesvorstellungen mit seinen unzähligen Palmen, Blumenwiesen, Bananenplantagen, Orangenbäumen, grünen Terrassenfeldern, die mühevoll an den steilen Bergen hinauf angelegt worden sind, den kleinen kastigen Steinhäuschen, den vielen Bächen und Wasserfällen, den netten Einheimischen (ohne Flügel) … schwärm …

La Gomera

Valle Gran Rey

Etwas Hölle war aber auch dabei – in Form von kleinen Teufelchen auf der Schulter, die einen bei schweißtreibenden Aufstiegen oder den rutschigen, kniepeinigenden Abstiegen beständig fragten, warum man sich diese Keulerei überhaupt antut und dafür auch noch Geld bezahlt, anstatt sich unterm heimischen Weihnachtsbaum gemütlich mit Plätzchen vollzustopfen.

Der Vorteil an diesen Anstrengungen war dafür neben der zufriedenen Müdigkeit am Abend, dass man sich so ohne Bedenken auf die geniale gomerische Küche stürzen konnte und nach zwei Wochen allabendlicher Völlerei trotzdem den Gürtel enger schnallen musste.

Das Wetter war insgesamt für die Wintermonate überdurchschnittlich gut. Drei Tage vor unserer Anreise hatte es noch übelste Unwetter mit Orkan, Gewitter, Sturzregen und Überschwemmungen gegeben, deren Auswirkungen auch noch überall zu sehen waren. Zum Teil mussten wir auch Wanderungen aufgrund von Bergrutschen umstellen oder uns über bzw. durch ziemlich einschüchternde Flüsse kämpfen, die normalerweise ausgetrocknet sind. Wir selber hatten 14 Tage fast durchgehend Sonnenschein mit hochsommerlichen Temperaturen, sogar in der sonst eher feuchten Nordhälfte, was selbst auf den Kanaren im Winter ziemlich ungewöhnlich ist.

Von Weihnachten & Co. haben wir nicht viel mitbekommen, – sogar die allgegenwärtige gomerische Deko-Dröhnung mit Schneemännern, Eisbären, Nikoläusen und Lichterketten in Palmen konnte bei fast 30°C, Meeresrauschen und strahlendem Sonnenschein keine Gefühlsduselei heraufbeschwören. Und auf Silvester war man um Mitternacht dermaßen damit beschäftigt, nach spanischem Brauch bei jedem Glockenschlag eine Weintraube zu essen, diese alle (schlucken ging aus Zeitgründen nicht) auch noch irgendwie in den Backen und Zahnlöchern zu bunkern, sich bei jeder einzelnen einen neuen Wunsch auszudenken, gleichzeitig seine Miturlauber oder versprengte Einheimische zu herzen und sie nur mit durch die Trauben gesäuselten Neujahrsegnungen und nicht auch noch mit Sekt zu überschütten, dass keine Zeit blieb, um irgendwelche Festivitäten in der kalten Heimat zu trauern.

Halt, einen sehr schönen weihnachtlichen Moment gab es doch, und zwar am Abreisetag morgens um 4.30h in einer Kneipe in Hermigua: der gomerische Wein hatte mich soweit entkrampft, dass ich mit einem Einheimischen zusammen zweistimmig „Stille Nacht“ gleichzeitig auf deutsch und spanisch zusammen gesungen habe – künstlerisch nicht so wertvoll, aber für mich persönlich unvergesslich!

La Gomera

Unsere Wandergruppe

Unsere Wandergruppe umfaßte 13 Leute im Alter zwischen 29 und 50 Jahren (Durchschnittsalter 38). Im Gegensatz zu meinen bisherigen Frosch-Touren, bei denen man sich das Programm ja selber zusammenstellt und sich somit auch gewisse Leute herauspicken kann, ist man bei einem solchen Trekkingurlaub stets mit den gleichen wenigen Mitstreitern zusammen. Das hat den Vorteil, dass man diese viel näher kennen lernt und sich auch auf Leute einlässt, mit denen man sonst vielleicht eher wenig Zeit verbracht hätte, wodurch für mich interessante Kontakte entstanden sind, die bis heute anhalten. Andererseits ist man den Eigenarten und Launen diverser Mitbürger wiederum relativ schonungslos ausgesetzt, was einem bei geballtem Auftreten den Urlaub womöglich vermiesen kann, da man kaum Fluchtmöglichkeiten hat.

La Gomera

Unterkunft Hermigua

In der ersten Woche waren wir in Gomeras „Hauptstadt“ San Sebastian im Südosten stationiert (dort hat schon Christoph Kolumbus vor seiner Amerikaentdeckung die letzte Rast eingelegt) und hatten dort komplette Wohnungen mit zwei Zimmern, Küche, Terrasse und sogar Waschmaschine, was das Wandersockenaroma recht positiv beeinflusst hat. In der zweiten Woche sind wir nach Hermigua in der Nordhälfte weitergezogen, wo wir in einer von Deutschen sehr liebevoll geführten Pension in kleinen Doppelzimmern mit Küchenzeile gewohnt haben und zum Abschied sogar noch mit den leckersten Hausrezepten versorgt wurden. Beide Unterkünfte waren sehr gepflegt und praktisch eingerichtet. Die feste Unterbringung für jeweils eine Woche gibt es allerdings nur bei der Weihnachtstour wie gerade beschrieben, bei allen anderen Trekkingtouren wechselt man wesentlich öfter die Unterkunft. Die Wanderungen selber sind aber fast gleich.

La Gomera

Wanderführerin Marina mit Meltini

Zusammenfassend hat mir der Gomera-Urlaub nach der kurzen Gewöhnung an Land und Leute prima gefallen; die Insel ist von der Landschaft her absolut reizvoll, auch das Trekking in dieser geballten Ladung ist genau richtig zum Auspowern; zumal man auf diese Art eine Gegend viel intensiver kennen und schätzen lernt. Hierfür auch ein dickes Dankeschön an unsere sehr kompetente und geduldige Wanderführerin Marina von Activida-Tours, die nicht nur dafür sorgte, dass niemand von uns entkräftet in irgendeiner Klamm verenden musste, sondern uns auch in den Verschnaufpausen mit ihrem umfangreichen Wissen über die Natur (ich sage nur: alles endemisch!!) und Geschichte Gomeras sowie mit inseltypischen Leckereien aus ihrem Rucksack fütterte.

La Gomera

Isla bonita – hasta pronto!!
Rita Maurer

P.S.
Oben auf dem weithin sichtbaren Tafelberg La Fortaleza befindet sich eine ziemlich große, aus dicken Kieseln bestehende „Glücksspirale“. Sie soll angeblich vor Urzeiten von alten Gomeros gelegt worden sein und durch einen ganz besonderen, in der Mitte liegenden Stein Lebenskraft und Energie bringen, wenn man den ganzen Weg zwischen den Steinchen brav abläuft und nirgends abkürzt. Trotz meines Argwohns als aufgeklärter Zeitgenosse des 21. Jahrhunderts, dass das nur ein Touristennepp vom Verkehrsverein Gomera ist, habe ich natürlich hoffnungsvoll den ca. 10 min. dauernden Rundweg im vorgeschriebenen Laufschritt abgeklappert und dabei auch noch alle zusätzlichen kleinen Spiralen mitgenommen, die angeblich Fruchtbarkeit bescheren, wie mir allerdings erst hinterher grinsend erklärt wurde. Tja, die alten Gomeros haben tatsächlich nicht zuviel versprochen: Beim Runterhacken dieses Berichtes im April 2004 klemmen gerade zwischen mir und der Tastatur 120 cm Neun-Monats-Bauch mit einem jetzt schon hyperaktiven, zukünftigen Froschurlauber darin …

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